Wer an der A96 in München-Hadern vorbeifährt, bekommt einen Eindruck vom ungebremsten Verfall: Zwischen Betonpfeilern stapeln sich Matratzen, Müllberge türmen sich, und die Feuerstellen rauchen Tag und Nacht. Was einst als gelegentliches Zufluchtlager einiger weniger begann, ist inzwischen zum Inbegriff eines sozialen Brennpunkts geworden. Die Umgebung ist geprägt von improvisiertem Leben, unangenehmem Geruch und der ständigen Präsenz von Ratten und Unrat – eine Szenerie, die niemand so nahe an Münchens Wohnvierteln erwartet hätte.
Das Lager gilt mittlerweile als inoffizielles Zuhause einer Gruppe Rumänen, die nach Aussagen von Anwohnern und Behörden eine professionelle Organisation im Rücken haben. Tagsüber sind die Mitglieder der Gruppe in der Stadt unterwegs, suchen mit ausgesuchten Plätzen das schnelle Mitleid, bevor sie nachts wieder unter der Brücke verschwinden. Immer wieder berichten Zeugen von Streitereien, organisiertem Betteln, aber auch kleineren Diebstählen und wachsender Angst in der Nachbarschaft. Die Behörden sind offenbar machtlos, die Situation verschlechtert sich zusehends – der Unmut unter den Einheimischen wächst täglich.
Die einmalige Mischung aus Perspektivlosigkeit, Laisser-faire der Behörden und kalter Pragmatik der Hintermänner sorgt in Hadern für Daueralarm. Das Viertel fühlt sich im Stich gelassen, der politische Wille zur Lösung fehlt, und Versuche, das Lager aufzulösen, führen regelmäßig zu Konflikten. Während immer mehr Anwohner ihrem Ärger Luft machen, wächst Gleichgültigkeit und Resignation. Der soziale Kältepol unter der Autobahn hat sich längst zum Symbol für eine Stadt im Ausnahmezustand entwickelt – und das mit offenen Augen.
