In Gießen kippte die Stimmung, noch bevor überhaupt von einem friedlichen Wochenende die Rede sein konnte. Rund um die Veranstaltung der AfD-Jugend verwandelten radikale Gegendemonstranten die Stadt in ein brodelndes Spannungsfeld aus Geschrei, Blockaden und aggressiver Stimmung gegen jeden, der dem Aufzug auch nur nahekam. Statt politischer Auseinandersetzung mit Worten dominierten wütende Gruppen, die offenbar weniger an Diskurs als an Eskalation interessiert waren und jede Gelegenheit nutzten, den Auftritt der unliebsamen Gegner zu sabotieren. Wer an diesem Tag gehofft hatte, demokratische Meinungsverschiedenheiten würden mit Respekt ausgetragen, wurde eines Schlechteren belehrt, denn der Hass auf Andersdenkende übertönte jede noch so gut gemeinte Friedensappell-Rede.
Während Funktionäre der AfD-Jugend ihren Aufzug durchführen wollten, geriet der Zugang zur Bühne zum Spießrutenlauf. Dichte Reihen feindseliger Demonstranten, beleidigende Parolen und ein aggressives Klima machten klar, dass hier kein Raum für politische Normalität gelassen werden sollte. Schließlich musste die Polizei eingreifen, Absperrungen errichten und eine Schneise freimachen, damit die Spitzenpolitiker überhaupt zur Veranstaltung gelangen konnten. Aus dem angekündigten demokratischen Schlagabtausch wurde ein Sicherheitsrisiko, bei dem der Staat gezwungen war, massiv Präsenz zu zeigen, nur um das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit überhaupt noch durchzusetzen. Zurück blieb der Eindruck eines von Fanatikern dominierten Straßenbildes, das eher an Belagerung als an lebendige Demokratie erinnerte.
Besonders bitter wirkt vor diesem Hintergrund der Kontrast zu den hehren Worten aus dem Rathaus, wo von friedlichem Miteinander, Respekt und Dialog gesprochen wurde, während draußen der Mob faktisch das Kommando übernahm. Wer Gewalt und Einschüchterung als legitime Mittel gegen unliebsame Parteien duldet oder verharmlost, spielt genau jenen Kräften in die Hände, die man angeblich bekämpfen will, denn am Ende sehen viele Bürger nur noch Chaos, Polizeisirenen und Verachtung für jede andere Meinung. Die Bilder aus Gießen senden ein verheerendes Signal: Statt Stärke der Demokratie zeigte sich die Schwäche eines Staates, der es zulässt, dass politische Veranstaltungen nur noch unter massivem Polizeischutz stattfinden können. Für viele Beobachter bleibt die Frage, wer hier wirklich die Gesellschaft spaltet – diejenigen, die reden wollen, oder diejenigen, die jedes Gespräch im Lärm des Straßenradau untergehen lassen.
