14-METER-WELLE IN DER NORDSEE! WAS DIE BSH-MESSUNG WIRKLICH ZEIGT

Symbolfoto: Aufgewühlte Nordsee im Sturm mit hohen, brechenden Wellen und Gischt unter dunklem Himmel, im Hintergrund ein Offshore-Windpark mit einem Messpfeiler, darüber in weißer Schrift auf blauem Feld die Schlagzeile „14-Meter-Welle in der Nordsee! Was die BSH-Messung wirklich zeigt“
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Borkum – 14 Meter, so hoch wie ein mehrstöckiges Wohnhaus! Mitten in der Deutschen Bucht hat eine Messstation des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) während der Sturmtiefs „Luise“ und „Manja“ gewaltige Wellen registriert. BILD titelt: „14 Meter hohe Wellen auf der Nordsee gemessen“ und schreibt von „etlichen Riesenwellen“. Wir haben die Zahlen mit der Original-Mitteilung des BSH, mit Daten früherer Stürme, dem Deutschen Wetterdienst und regionalen Medien abgeglichen. Ergebnis: Die 14 Meter stimmen – aber sie bedeuten etwas anderes, als viele Leser denken.

Zunächst zur Quelle. Das BSH hat seine Auswertung am 29. Oktober 2026 als Kurzmeldung unter dem Titel „Hoher Seegang in der Nordsee Stürme Luise & Manja“ veröffentlicht. Darin heißt es wörtlich: „An den Stationen des BSH Messnetzes (MARNET) wurden zwischen dem 25. und 26.10. außergewöhnlich hohe Wellen gemessen. An der Station Deutsche Bucht, die sich 95 Kilometer nordwestlich der ostfriesischen Insel Borkum im Windpark Deutsche Bucht befindet, wurden signifikante Wellenhöhen von etwa 9 Meter mit maximalen Werte von bis zu 14 Meter gemessen.“ BILD zitiert diesen Satz korrekt. Der Bericht von BILD erschien allerdings erst am Samstag, 31. Oktober, um 16:48 Uhr – also zwei Tage nach der BSH-Meldung und rund eine Woche nach dem Sturm.

Entscheidend ist der Unterschied zwischen den beiden Zahlen, die das BSH nennt. Die „signifikante Wellenhöhe“ ist der Mittelwert des höchsten Drittels aller Wellen in einem Messzeitraum, in der Regel einer halben Stunde. Sie entspricht ungefähr dem, was ein erfahrener Seemann als Wellenhöhe schätzen würde. Diese lag an der Station Deutsche Bucht bei etwa 9 Metern. Die „maximale Wellenhöhe“ ist dagegen die höchste einzelne Welle, gemessen vom Wellental bis zum Wellenkamm. Und die erreichte bis zu 14 Meter. Das heißt: Die Nordsee war dort über Stunden extrem rau, mit Wellen, die im Schnitt der höheren Wellen rund neun Meter hoch waren. Einzelne Wellen ragten deutlich darüber hinaus – bis zu 14 Meter.

BILD macht daraus „etliche Riesenwellen mit bis zu 14 Metern Höhe“, die „durch die Nordsee“ gerollt seien. Das gibt die BSH-Mitteilung so nicht her. Das BSH nennt einen Maximalwert von bis zu 14 Metern an einer einzigen Station, wie viele Wellen diese Größenordnung erreichten, steht dort nicht. Die Zeitreihen der signifikanten und maximalen Wellenhöhen, die das BSH als Grafik veröffentlicht hat, zeigen zwar mehrere hohe Spitzen. Eine genaue Anzahl von Wellen über 14 Meter lässt sich daraus aber nicht ablesen. Auch der genaue Zeitpunkt der höchsten Welle wird in der Mitteilung nicht genannt, nur der Zeitraum 25. bis 26. Oktober.

Die zweite Messstelle, die BILD nennt, ist die Forschungsplattform FINO3. Laut BSH liegt sie „etwa 45 Seemeilen vor Sylt, inmitten deutscher Offshore-Windparks“. 45 Seemeilen sind rund 83 Kilometer, BILD schreibt von 80 Kilometern westlich von Sylt – das passt in etwa. Dort wurden laut BSH Windgeschwindigkeiten von bis zu 37 Metern pro Sekunde gemessen, umgerechnet rund 133 Kilometer pro Stunde. Das entspricht Windstärke 12 auf der Beaufort-Skala, also Orkan. Ob es sich dabei um einen Mittelwert oder um eine Böe handelt, geht aus dem Text der Mitteilung nicht eindeutig hervor, die Grafik des BSH zeigt mittlere und maximale Windgeschwindigkeiten.

Wichtig: Die zehn Meter, die BILD für FINO3 nennt, sind ebenfalls keine typische Wellenhöhe. Das BSH schreibt: „Die an der Plattform gemessenen maximalen Wellenhöhen lagen bei etwa 10 Meter.“ Es geht also auch hier um die höchsten Einzelwellen, nicht um die signifikante Wellenhöhe. BILD formuliert, die Stürme hätten „mit Windstärke 12 Wellen auf zehn Meter Höhe“ geblasen – ohne zu sagen, dass das Spitzenwerte sind. Webcam-Bilder der Plattform, die das BSH veröffentlicht hat, zeigen den Messpfeiler im Sturm. Die schwarzen Streifen am Monopile haben laut BSH einen Abstand von 2 Metern.

Wie außergewöhnlich sind 14 Meter in der Deutschen Bucht? Das BSH selbst spricht von „außergewöhnlich hohen Wellen“. Ein Rekord sind sie aber nicht. Laut BSH wurde am 1. November 2006 während des Orkantiefs „Britta“ an der Forschungsplattform FINO1, rund 45 Kilometer nördlich von Borkum, eine signifikante Wellenhöhe von 9,77 Metern gemessen, die maximale Wellenhöhe lag bei etwa 16 Metern. Die Welle beschädigte damals den unteren Durchgang der Plattform. Am 9. November 2007 registrierte FINO1 während des Sturmtiefs „Tilo“ nach Angaben des Plattformbetreibers sogar eine signifikante Wellenhöhe von 10,5 Metern. Und am 5. Dezember 2013 zerstörte laut BSH während des Orkans „Xaver“ eine Extremwelle das 15 Meter hoch gelegene Zwischendeck von FINO1. Allein die Materialkosten für die Reparatur der Messinstallationen lagen bei 120.000 Euro.

Damit ist auch klar: Die aktuelle Messung ist beeindruckend, sprengt aber nicht die bekannten Dimensionen. Ausgelegt wurde FINO1 übrigens laut Betreiber auf eine sogenannte 100-Jahres-Welle von 17 Metern, die dort seit Inbetriebnahme im Jahr 2003 noch nicht gemessen wurde. Der Vergleich, den BILD am Ende zieht, führt deshalb in die Irre. BILD schreibt, die Statistik über Monsterwellen vor Norderney werde „aktuell von der Realität der neuen Riesenwellen überrollt“, diese hätten „ganz andere Dimensionen“. Das vermischt zwei völlig verschiedene Dinge.

Die Norderney-Zahl stammt aus dem Projekt „Freak Waves II“ von BSH und dem Helmholtz-Zentrum Hereon, vorgestellt im Februar 2025. Ausgewertet wurden Daten von sechs Wellenmessbojen in der Deutschen Bucht aus den Jahren 2011 bis 2016 – nicht „bis 2024“, wie BILD schreibt. An der Boje SEE im Flachwasser vor Norderney war laut der Hereon-Wissenschaftlerin Ina Teutsch „etwa jede 5800. Welle eine Extremwelle“. Eine Extremwelle ist dabei per Definition mindestens doppelt so hoch wie die signifikante Wellenhöhe. Sie ist also über ihr Verhältnis zum umgebenden Seegang definiert, nicht über eine feste Höhe. Die Behauptung von BILD, jede 5800. Welle sei dort eine „mehr als 4,5 Meter hohe“ Monsterwelle, findet sich in der BSH-Mitteilung nicht. Nach dieser Definition kann auch eine vergleichsweise kleine Welle eine Extremwelle sein.

Umgekehrt gilt: Die 14-Meter-Welle aus der Deutschen Bucht wäre nach dieser Definition wohl keine Extremwelle. Bei einer signifikanten Wellenhöhe von etwa 9 Metern läge die Schwelle bei rund 18 Metern. Das Verhältnis von maximaler zu signifikanter Wellenhöhe liegt hier bei etwa dem 1,5-Fachen – das ist bei schwerem Seegang nicht ungewöhnlich. Eine offizielle Einstufung durch das BSH gibt es dazu allerdings nicht, und ob in den Rohdaten einzelne Extremwellen nach Definition stecken, ist offen.

Richtig ist dagegen der historische Vergleich mit der „Draupner-Welle“: Am 1. Januar 1995 registrierte die Gasplattform Draupner E vor der norwegischen Küste eine Einzelwelle von 25,6 Metern Höhe. Sie gilt als erste instrumentell sauber gemessene Extremwelle und ist bis heute ein Referenzfall der Forschung. Auch die Aussage, dass Extremwellen durch Wind und Wellenüberlagerung entstehen und Gezeitenströmungen sowie sich schnell ändernde Wassertiefen eine Rolle spielen können, deckt sich mit den Ergebnissen von „Freak Waves II“. Bei der Künstlichen Intelligenz ist BILD etwas zu forsch: Im Projekt wurde mit zwei Ansätzen des maschinellen Lernens versucht, die Wahrscheinlichkeit einer Extremwelle in den kommenden 10 Minuten vorherzusagen. Die Ergebnisse waren laut BSH „vielversprechend“, für eine praktische Anwendung brauche es aber noch mehr Daten.

Und die Stürme selbst? „Luise“ zog laut DWD am 23. und 24. Oktober über Deutschland und dann Richtung Ostsee und Dänemark ab. Ab dem Abend des 24. Oktober zog „Manja“ von Westen heran und erreichte am Sonntag, 25. Oktober, die Nordseeküste mit orkanartigen Böen und vereinzelten Orkanböen. Auf dem Brocken im Harz wurden laut DWD in der Nacht zum Sonntag 135 Kilometer pro Stunde gemessen. An der Küste fiel der Wind schwächer aus als befürchtet: Auf Sylt lag die stärkste Böe an der DWD-Station List laut Wetterkontor bei 108 Kilometern pro Stunde. Draußen auf See war es deutlich heftiger – das zeigen die 37 Meter pro Sekunde an FINO3. Den außergewöhnlich hohen Seegang führen die Experten des BSH laut dpa auf die kurze Abfolge zweier Sturmlagen innerhalb von gut 24 Stunden zurück.

Die Folgen an Land: Das BSH hatte für die Nacht zum Montag, 26. Oktober, eine Sturmflut angekündigt, an der nordfriesischen Küste 2 bis 2,5 Meter über dem mittleren Hochwasser. In Hamburg wurde der Fischmarkt überflutet, in der Hafencity musste eine Autofahrerin laut NDR von der Feuerwehr vom Dach ihres Wagens gerettet werden, ebenso eine Person in Elsfleth. In St. Peter-Ording brachen Bretter aus der Seebrücke. In Bremerhaven trieb laut Polizei ein auslaufendes Kreuzfahrtschiff mit rund 3.350 Menschen an Bord durch eine Böe gegen zwei Containerschiffe. Der Fährverkehr war massiv eingeschränkt: Nach Helgoland fielen laut NDR fast alle Verbindungen aus, zu den Halligen fuhren am Montag keine Fähren, auch Norderney, Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Föhr und Amrum waren betroffen. Der Sylt Shuttle stellte am Sonntagmittag den Betrieb ein. Schäden am Windpark Deutsche Bucht, in dem die Messstation steht, sind laut dpa nicht bekannt geworden.

KOMMENTAR / MEINUNG: Man muss es einmal deutlich sagen: Die Nordsee braucht keine Übertreibung, um Respekt einzuflößen. Eine Welle so hoch wie ein Mehrfamilienhaus mitten in einem Windpark ist schon spektakulär genug. Wer daraus gleich eine ganze Flotte von Monsterwellen macht, verwechselt Seegang mit Seemannsgarn.

KOMMENTAR / MEINUNG: Besonders schön ist der Satz, die alte Statistik werde von der Realität überrollt. Überrollt wird hier vor allem die Physik. Zwischen einer Messboje im Flachwasser vor einer Badeinsel und einer Station weit draußen auf See liegen Welten – und zwischen einer Extremwelle und einer sehr hohen Sturmwelle eben auch. Ein Blick in die Pressemitteilung hätte genügt.

KOMMENTAR / MEINUNG: Und dann sind da noch die Inselbewohner, die sich über übertriebene Warnungen lustig machten, weil am Strand nur ein paar Strandkörbe flogen. Die Messwerte von draußen zeigen: Die Reedereien hatten völlig recht, ihre Schiffe im Hafen zu lassen. Lieber eine verpasste Fähre als eine Begegnung mit der Nordsee in Höchstform!

Bleiben Sie bei Sturmwarnungen vorsichtig und halten Sie sich an die Hinweise von DWD, BSH und Reedereien! Haben Sie den Sturm an der Küste erlebt? Schreiben Sie uns!

Quellen:
BILD – Herbststurm löste sie aus: 14 Meter hohe Wellen auf der Nordsee gemessen (31.10.2026, 16:48 Uhr): https://www.bild.de/news/wetter/herbststurm-loeste-sie-aus-14-meter-hohe-wellen-auf-der-nordsee-gemessen-6ae5c99a78361cba85d9bd29
BSH – Kurzmeldung: Hoher Seegang in der Nordsee Stürme Luise & Manja (29.10.2026): https://www.bsh.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2026/Hoher-Seegang-Nordsee-Stuerme-Luise-Manja.html
BSH – Pressemitteilung: Extremwellen kommen vor Norderney vergleichsweise häufig vor (19.02.2025): https://www.bsh.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/Text_html/html_2025/Pressemitteilung-2025-19-02.html
FINO1 – Wellen- und Strömungsverhältnisse: https://www.fino1.de/de/standort/wellen-stroemung.html
DWD – Orkantief Britta am 31.10. und 01.11.2006 und seine Auswirkungen (PDF): https://www.dwd.de/DE/leistungen/besondereereignisse/stuerme/20061201_orkan_britta.pdf?__blob=publicationFile&v=4
Teutsch et al. – Contribution of solitons to enhanced rogue wave occurrence in shallow depths (NHESS, 2023): https://nhess.copernicus.org/articles/23/2053/2023/nhess-23-2053-2023.pdf
Hamburger Abendblatt – 14 Meter: Irre Wellen in der Nordsee gemessen – und ein Orkan vor Sylt (31.10.2026): https://www.abendblatt.de/schleswig-holstein/sylt/article413553771/14-meter-irre-wellen-in-der-nordsee-gemessen-und-ein-orkan-vor-sylt.html
MOPO/dpa – 14 Meter hohe Megawellen in der Nordsee – auch vor Sylt: https://www.mopo.de/im-norden/schleswig-holstein/14-meter-megawellen-in-der-nordsee-und-ein-dickes-ding-vor-sylt/5062918
tagesschau.de – Verletzte und Schäden nach Sturmtief Luise: https://www.tagesschau.de/inland/herbststurm-104.html
tagesschau.de – Sturmtief „Manja“ fegt über Deutschland (25.10.2026): https://www.tagesschau.de/inland/wetter-sturm-112.html
tagesschau.de/NDR – Warnungen vor Unwetter und Sturmflut: „Manja“ zieht über den Norden (25.10.2026): https://www.tagesschau.de/inland/regional/herbststurm-mit-manja-drohen-dem-norden-wieder-orkanboeen,wetter-7178.html
NDR – Unwetter im Norden: Menschen retten sich auf Autodächer (26.10.2026): https://www.ndr.de/nachrichten/info/unwetter-im-norden-sturmflutwarnung-bis-zum-nachmittag,wetter-7178.html
Kreiszeitung – Bilanz nach Sturmtief „Manja“: Böen bis 108 km/h auf Sylt (27.10.2026): https://www.kreiszeitung.de/lokales/schleswig-holstein/sylt-mann-spottet-ueber-sturm-warnungen-uebertrieben-94560725.html
Inselradio Föhr – Orkantief „Manja“ trifft Föhr, Amrum, Dagebüll und die Halligen: https://inselradiofoehr.media/orkantief-manja-trifft-foehr-amrum-dagebuell-und-die-halligen-alle-entwicklungen/

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