KÜHLREGALE AUF 50 GRAD: HACKER GREIFEN SUPERMÄRKTE IN EUROPA AN

Symbolfoto: Leere, beschlagene Supermarkt-Kühlregale in rotem Warnlicht, davor ein Steuerungsdisplay mit Warnsymbol
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Brüssel – Tauender Fisch, schwitzende Joghurtbecher, Tiefkühltruhen voller Matsch: In der Nacht zu Montag, 2. November 2026, haben Unbekannte die Kühlanlagen von Supermärkten in mindestens sieben europäischen Ländern manipuliert. Betroffen waren nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP Geschäfte in Belgien, Luxemburg, Schweden, Irland, Estland, Finnland und den Niederlanden. Die Täter schalteten Kühlsysteme offenbar aus der Ferne in den Abtaumodus – mancherorts sollen die Temperaturen bis auf 50 Grad gestiegen sein. In Belgien ermittelt inzwischen die föderale Staatsanwaltschaft. Ein FOCUS-Bericht über den Angriff enthält allerdings mehrere Ungenauigkeiten.

Am härtesten traf es nach bisherigem Stand Belgien. Die Kette Delhaize bestätigte laut dem niederländischen Sender NOS, dass „Dutzende Geschäfte“ in Flandern und der Wallonie betroffen sind. Eine Sprecherin nannte gegenüber VRT NWS rund 40 Filialen. Hinzu kommen laut AFP vier Delhaize-Märkte in Luxemburg. Carrefour Belgien meldete rund 15 betroffene Geschäfte von insgesamt etwa 700. „Es ist ein Cyberangriff, es gibt keinen anderen Grund“, sagte Sprecher Mich Vergauwen der AFP. Die Auswirkungen seien aber „sehr begrenzt“.

Nach einem AFP-Bericht, den „Le Soir“ veröffentlichte, meldeten außerdem rund 15 Intermarché-Märkte ähnliche Probleme. Laut VRT NWS hatten auch etwa fünf selbstständige Spar-Betreiber Schwierigkeiten; der Colruyt-Konzern, der Spar in Belgien im Franchise-System betreibt, sprach laut BBC gegenüber Reuters von fünf angegriffenen Geschäften. Selbst das Möbelhaus Ikea in Mons war betroffen: Gegen 3 Uhr morgens sei die Temperatur der Gefriergeräte plötzlich angestiegen, sagte eine Ikea-Sprecherin laut „Le Soir“. Weitere Standorte könnten betroffen sein, hieß es.

Wie viel Ware verloren ging, ist unterschiedlich. Der Betreiber eines Proxy-Delhaize in Hoepertingen (Tongeren-Borgloon) bezifferte den Schaden laut VRT NWS auf 60.000 Euro. Eine Delhaize-Filiale in Hoeilaart sprach gegenüber „Het Laatste Nieuws“ laut BBC von 100.000 Euro an verdorbener Ware. In Eeklo erzählte die Geschäftsführerin, die anonym bleiben möchte, sie habe gegen 2:30 Uhr eine Meldung bekommen: „Die Temperatur in den Tiefkühltruhen war auf 50 Grad eingestellt.“ Es gebe „sicher Schaden in Höhe von Zehntausenden Euro“, vor allem Fleisch und Fisch landeten im Müll.

Und die oft zitierten 70 Grad? Die Zahl stammt laut NOS aus einem Bericht der Zeitung „Het Laatste Nieuws“. Delhaize konnte sie ausdrücklich nicht bestätigen. VRT NWS berichtete am Morgen von Temperaturen bis 15 Grad in Kühl- und Tiefkühlgeräten, aus Eeklo und aus Schweden wurden 50 Grad gemeldet. Die 70 Grad sind also eine unbestätigte Einzelangabe.

Wie die Angreifer vorgingen, erklärte Stephan Moelans, Chef des belgischen Kältetechnik-Unternehmens Sabcobel, das unter anderem die Anlagen von Delhaize betreut, der Agentur Belga: Die Verdampfer der Kühlanlagen seien in den Abtaumodus geschaltet worden. Das sei derselbe Mechanismus wie beim Angriff in Frankreich. „Ich bin seit 2 Uhr wach. Wir haben die ganze Nacht und den Morgen daran gearbeitet, die betroffenen Geräte vom Netz zu trennen“, sagte er. Sabcobel kennt nach eigenen Angaben rund 20 betroffene Anlagen von mehreren Hundert, die es in Belgien betreut. Ein bloßes Software-Update reiche nicht, nötig seien physische Anpassungen. Rund zehn Prozent der Anlagen seien nach dem Frankreich-Angriff noch nicht abgesichert gewesen, sagte er laut Belga.

Laut NOS bekamen Filialleiter gegen 4 Uhr morgens eine SMS von Delhaize, die vor dem plötzlichen Temperaturanstieg warnte – das hatte zuvor RTL Info berichtet. Einige Geschäfte setzten Kühlwagen ein, um ihre Vorräte zu retten. Delhaize trennte die Kühlsysteme nach eigenen Angaben sofort vom Internet.

Auch die belgische Metzgereikette De Laet & Van Haver wurde getroffen. „Gegen 3 Uhr heute Nacht wurden einige Einstellungen der Kühlungen von außen verändert“, sagte Teamleiter Werner Muylle der NOS. Es gehe um ein System, das das Vereisen der Kühlungen verhindert: Normalerweise strömt dabei kurz warme Luft ein, danach kühlt die Anlage wieder. „Das geschah jetzt nicht. Es kam nur noch warme Luft in die Kühlungen.“ Ein Teil der Ware konnte gerettet werden, der Rest wurde weggeworfen. Bemerkenswert: Die betroffenen Anlagen der Metzgerei laufen laut Muylle auf Systemen von Copeland, nicht von Danfoss. Die Danfoss-Geräte in anderen Filialen seien bislang unauffällig gewesen.

In Schweden meldeten vor allem Ica- und Coop-Märkte Probleme. Ica wollte laut der Agentur TT nicht sagen, wie viele Geschäfte betroffen sind. Laut AFP konnte Ica zudem nicht bestätigen, dass ein Cyberangriff die Ursache war. Eine Ica-Sprecherin sagte aber, alle betroffenen Märkte seien an ein externes Kühlsteuerungssystem von Danfoss angeschlossen. Der Ica-Kvantum-Markt in Sjöbo in Südschweden schrieb auf Facebook, die Anlagen seien gehackt und auf 50 Grad gestellt worden. Laut „Dagens Nyheter“ waren auch Märkte in Tomelilla und Sankt Olof betroffen. Nach Reuters-Angaben meldete zudem ein Ica-Franchisenehmer in Stockholm auf 50 Grad gestellte Geräte.

Coop bestätigte einen Cyber-Vorfall. Laut SVT waren sechs Märkte in Gästrikland und Hälsingland rund um Gävle betroffen; in Gävle begannen Gefriertruhen sogar zu rauchen. Der BBC sagte Coop, insgesamt seien sieben seiner rund 800 Märkte betroffen, die Lage sei „unter Kontrolle“. Coop-Sprecher Carlos Cancino sagte der AFP, die betroffenen Geschäfte seien über ein 4G-Mobilfunknetz angebunden gewesen.

In Irland mussten laut RTÉ und laut „Irish Times“ 13 Supervalu-Märkte gekühlte und tiefgekühlte Ware vorsorglich aus dem Verkauf nehmen. Betroffen waren unter anderem Filialen in Lucan, Blanchardstown, Ranelagh, Bray und Waterford. Eigentümer Musgrave sprach von einem „Cyber-Vorfall“, der auf ein „bestimmtes Modell“ von Kühlanlagen beschränkt sei. Bis zum späten Vormittag liefen laut RTÉ alle Märkte wieder normal.

In Estland war laut dem Sender ERR ein Supermarkt der Kette Selver betroffen, die Temperaturen seien auf 50 Grad gestellt worden. Betroffen waren laut dem Technikdienstleister Kitman Coldtech ältere Danfoss-Anlagen, ähnlich denen in Frankreich. In den Niederlanden wurden nach Angaben eines Danfoss-Sprechers gegenüber der NOS mindestens 17 kleinere Betriebe angegriffen, vor allem Metzgereien und Nachbarschaftsläden. In Finnland waren laut AFP einige Läden des Handelskonzerns Kesko betroffen; laut der Zeitung „Helsingin Sanomat“ untersuchen Sicherheitsexperten des Konzerns die Ursache.

Der Vorfall erinnert an den Angriff in Frankreich. In der Nacht von Sonntag auf Montag, 12. Oktober 2026 – also genau drei Wochen zuvor –, hatten Hacker dort die Kühlsysteme Hunderter Supermärkte manipuliert. Laut AFP waren mindestens 300 Intermarché- und Netto-Märkte, mehr als 100 Coopérative-U-Filialen und mehrere E.Leclerc-Märkte betroffen, laut „Le Soir“ auch rund 80 Carrefour-Supermärkte und etwa 30 Monoprix-Filialen. Die Temperaturen wurden auf bis zu 50 Grad hochgefahren, frische und tiefgekühlte Ware musste vernichtet werden. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt, es soll auch zu Bränden gekommen sein. Pressecop24 hatte über den Angriff in Frankreich berichtet.

Danfoss erklärte damals der AFP, die meisten betroffenen Geräte seien „Altprodukte“, die „keine Software- oder Sicherheitsupdates mehr erhalten“. Genannt wurden die Systeme AK-SM800 und AK-SC355. Allerdings waren in Frankreich nicht ausschließlich Danfoss-Anlagen betroffen: Die französische Cybersicherheitsbehörde ANSSI sprach laut AP von „zahlreichen Kompromittierungen“ bei Fernsteuerungsmodulen von Danfoss und des US-Herstellers Copeland. In ihrer Warnmeldung nennt die französische Behörde CERT-FR die Danfoss-Serien AK-SM und AK-SC sowie die Systeme Copeland XWEB und Dixell XWEB.

Was FOCUS anders darstellt: Der Bericht nennt als betroffene Länder nur Belgien, Schweden, Luxemburg, Estland und Irland – laut AFP waren es mindestens sieben, auch die Niederlande und Finnland. Den Frankreich-Angriff datiert FOCUS widersprüchlich zugleich auf „vor rund einem Monat“ und „vor rund drei Wochen“; korrekt sind genau drei Wochen. Dass die französischen Filialen „durchweg“ Danfoss-Systeme nutzten, ist so nicht haltbar, die französischen Behörden nannten auch Copeland und Dixell. Und die Frage, ob Danfoss erneut betroffen ist, war am Nachmittag teils beantwortet: In Estland, den Niederlanden und bei Ica in Schweden geht es nach den Angaben von Unternehmen um Danfoss-Anlagen, bei der belgischen Metzgerei dagegen um Copeland.

Weitere Präzisierungen: Die 70 Grad, die FOCUS unter Berufung auf belgische Medien nennt, gehen auf einen einzelnen Bericht von „Het Laatste Nieuws“ zurück und sind von Delhaize nicht bestätigt. Die SMS-Warnung um 4 Uhr kam laut NOS von Delhaize selbst, FOCUS spricht allgemein von „automatischen SMS-Warnsystemen“ bei „zahlreichen Filialleitern“. Die Angabe „mindestens sechs“ Ica-Filialen findet sich in keiner der von uns geprüften Quellen; Ica nannte ausdrücklich keine Zahl. Die sechs Coop-Märkte liegen laut SVT rund um Gävle, was „Mittelschweden“ grob entspricht. Bei der Metzgerei sprach der Betriebsleiter von veränderten Einstellungen der Abtaufunktion – das deckt sich mit FOCUS.

Wer hinter den Angriffen steckt, ist offen. Bekannt hat sich laut AFP bisher niemand. In Belgien hat die föderale Staatsanwaltschaft nach einer Belga-Meldung Ermittlungen eingeleitet. Das belgische Zentrum für Cybersicherheit CCB erklärte, es sei über den Vorfall informiert, habe aber keine weiteren Details.

Die Schwachstelle liegt nach Einschätzung der Behörden vor allem in der Fernwartung. Kühlanlagen in Supermärkten werden oft aus der Ferne von Kältetechnik-Dienstleistern überwacht. Eine Verwaltungsoberfläche offen im Internet zu betreiben, widerspreche grundsätzlich den Regeln guter Praxis, schreibt die CERT-FR in ihrer Warnung. Sie empfiehlt, betroffene Geräte vom öffentlichen Internet zu nehmen, den Zugang nur noch über ein gesichertes VPN zu erlauben, die Firmware zu aktualisieren und Standardpasswörter zu ändern. Ihr ausdrücklicher Hinweis: Angriffskampagnen gegen diese Geräte liefen „wahrscheinlich weiterhin“. Wer ein Gerät ohne Sicherheitsupdates weiter offen im Netz lasse, setze es einer „sehr hohen Wahrscheinlichkeit“ einer Kompromittierung aus. Drei Wochen nach dieser Warnung hat sich gezeigt, wie berechtigt sie war.

KOMMENTAR / MEINUNG: Europa investiert Milliarden in Cyberabwehr, Strategiepapiere und Krisenstäbe. Und dann reicht offenbar ein Kühlregal mit Internetanschluss und einem Passwort aus der Werkseinstellung, um quer über den Kontinent die Tiefkühlpizza zu schmelzen. Die Zukunft ist vernetzt – leider auch für die Falschen.

KOMMENTAR / MEINUNG: Besonders tröstlich ist die Erklärung, die betroffenen Geräte seien veraltet und würden längst nicht mehr aktualisiert. Das klingt ein bisschen wie der Autohändler, der nach dem Bremsversagen erklärt, das Modell habe man ja schon lange nicht mehr empfohlen. Warum hängen solche Altgeräte dann noch offen im Netz?

KOMMENTAR / MEINUNG: Wenige Wochen nach Frankreich wiederholt sich das gleiche Muster in mehreren Ländern. Man hätte meinen können, dass nach dem ersten Mal überall die Alarmglocken schrillen. Stattdessen schrillten nun wieder nur die Temperaturwarnungen, mitten in der Nacht, bei Filialleitern, die anschließend tonnenweise Lebensmittel entsorgen durften.

Was meinen Sie: Sind unsere Supermärkte ausreichend gegen Hackerangriffe geschützt? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare und teilen Sie diesen Artikel!

Quellen:
AFP: https://www.afp.com/en/fridge-cyberattack-hits-supermarkets-across-europe
NOS: https://nos.nl/artikel/2637705-opnieuw-hack-bij-supermarktketens-koelingen-in-belgie-luxemburg-en-zweden-op-tilt
VRT NWS (Delhaize): https://www.vrt.be/vrtnws/nl/2026/11/02/cyberaanval-delhaize/

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