
Mühlbach am Hochkönig – Schneesturm, Eis, keine Sicht – und ein 20-jähriger Deutscher allein im Fels: Am Hochkönig im Salzburger Pongau hat die Bergrettung Mühlbach einen erschöpften und unterkühlten Bergsteiger aus rund 2.600 Metern Höhe gerettet. Seine beiden Begleiter waren nach Angaben der Bergrettung weiter zum Gipfel aufgestiegen. Elf Bergretter kämpften sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu ihm hoch, der Einsatz dauerte insgesamt 14 Stunden. Die Alpinpolizei ermittelt. Doch eine Aussage des Geretteten selbst wirft ein anderes Licht auf das „Zurücklassen“.
Was genau geschah, lässt sich vor allem aus der Presseaussendung der Bergrettung Salzburg vom Sonntag, 1. November 2026, rekonstruieren, die ORF Salzburg, „Salzburger Nachrichten“, „Kurier“, „Krone“ und andere aufgegriffen haben. Demnach stiegen drei junge deutsche Bergsteiger am Samstagnachmittag, 31. Oktober 2026, in den Klettersteig „Königsjodler“ im Hochkönigmassiv ein – laut ORF im Gemeindegebiet von Mühlbach am Hochkönig. Und zwar, so die Bergrettung, „trotz eindringlicher Warnung einer weiteren Bergsteigerin und einer ausgesprochen schlechten Wetterprognose viel zu spät“.
Der Königsjodler gilt unter Bergsteigern als einer der längsten und anspruchsvollsten Klettersteige der Ostalpen. Er führt über den Grat hinauf Richtung Hochkönig-Gipfel, auf dem das Matrashaus auf 2.941 Metern steht. Wer dort im Herbst ankommt, steht vor verschlossenen Türen: Die Schutzhütte ist laut „Krone“ seit Ende September geschlossen.
Im Bereich des Notausstiegs auf rund 2.600 Metern ging es für einen der drei nicht mehr weiter. Gegen 19 Uhr setzte der 20-Jährige einen Notruf ab. „Seine Begleiter stiegen dennoch weiter auf und erreichten noch in der Nacht das (bereits geschlossene) Matrashaus“, schreibt die Bergrettung. Laut ORF verbrachten die beiden dort die Nacht.
Die Bergretterinnen und Bergretter aus Mühlbach stiegen von der Stegmoosalm zu Fuß auf. Der alarmierte Notarzthubschrauber „Christophorus 14“ konnte wegen der Bedingungen nicht zum Einsatzort fliegen. „Bereits der Aufstieg war aufgrund der herrschenden Witterungsbedingungen auch für unsere Einsatzkräfte fordernd“, sagte Einsatz- und Ortsstellenleiter Wolfgang Haggenmüller. Gemeinsam mit dem Bezirksleiter der Bergrettung hielt er ständig telefonisch Kontakt zu dem Erschöpften.
Der Notausstieg führt durch das steile, felsige Birgkar. „Der Steig war nur mit Steigeisen begehbar, da er vereist und rutschig ist. Wir haben dem Deutschen erklärt, dass er sich bewegen muss und keinesfalls alleine absteigen darf“, so die Bergrettung. Während des Einsatzes kam es zu einem weiteren Kälteeinbruch mit viel Schneefall.
Kurz vor Mitternacht erreichten die elf Retter den jungen Mann – also rund fünf Stunden nach dem Notruf. Dann begann der eigentliche Kraftakt: „Er wurde für den Abstieg im Tiefschnee angeseilt. Es hatte rund 20 cm geschneit und der Steig war nicht mehr sichtbar, es herrschte Absturzgefahr, die Wegfindung war sehr schwierig. Außerdem gingen auch Schneerutschen im steilen Gelände ab. Es war für alle lebensgefährlich.“ Erst um 8.18 Uhr am Sonntagmorgen erreichte die Mannschaft bei dichtem Schneetreiben die Erichhütte, die laut „Kurier“ auf 1.545 Metern liegt. Der Abstieg dauerte damit mehr als acht Stunden.
Der Pongauer Bezirksleiter der Bergrettung, Gerhard Kremser, fand deutliche Worte: „Eine weitere Nacht dort oben, bei Schneefall und unter diesen Bedingungen, hätte er vermutlich nicht überlebt.“ Und: „Ein Einsatz, der einmal mehr zeigt, wie schnell aus Selbstüberschätzung, Missachtung von Warnungen und falscher Tourenplanung eine lebensbedrohliche Situation entstehen kann. Bergsteigen bedeutet auch, rechtzeitig umzukehren. Die Berge laufen nicht davon.“
Und die beiden Begleiter? Für sie war die Nacht auf dem Gipfel nicht das Ende der Tour. „Den beiden Begleitern des Geretteten habe ich vehement von einem Abstieg im Birgkar abgeraten“, sagte Haggenmüller. Sie stiegen über den Normalweg Richtung Arthurhaus ab. Laut ORF waren sie bis zum frühen Sonntagabend im Abstieg und erreichten dann eine sichere Höhe. Verletzt wurde nach den vorliegenden Berichten niemand.
Jetzt ermittelt die Alpinpolizei. Eine Polizeisprecherin sagte dem ORF, die Beteiligten sollten noch am Sonntag befragt werden. Danach gehe der Bericht an die Staatsanwaltschaft, die entscheiden müsse, ob das Zurücklassen strafrechtlich relevant ist. Ein Ergebnis ist bislang nicht bekannt. Für die beiden Begleiter gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.
Und dann ist da noch ein Detail, das in vielen Berichten untergeht: Laut ORF gab der Gerettete selbst nach ersten Informationen an, er sei „im Einverständnis mit der Gruppe zurückgeblieben“ und „eigenständig umgekehrt“. Das würde bedeuten, dass er sich – zumindest nach seiner eigenen Darstellung – nicht gegen seinen Willen verlassen fühlte, sondern den Abbruch selbst wählte. Ob die Entscheidung der Gruppe, sich bei diesen Bedingungen aufzuteilen, vernünftig war, steht auf einem anderen Blatt.
Rechtlich ist die Frage keineswegs trivial. Das österreichische Strafgesetzbuch kennt etwa die Unterlassung der Hilfeleistung. Ob ein Verhalten am Berg darunter fällt, hängt aber stark vom Einzelfall ab: Wusste die Gruppe, wie schlecht es dem Zurückgebliebenen ging? War die Rettung bereits alarmiert? Hätten die beiden überhaupt helfen können, ohne sich selbst in Lebensgefahr zu bringen? All das muss nun die Staatsanwaltschaft bewerten.
Für die Einsatzkräfte bedeutete die Nacht stundenlange Schwerstarbeit unter Lebensgefahr. Die Bergrettung in Österreich arbeitet überwiegend ehrenamtlich: Die Frauen und Männer, die mitten in der Nacht in den Schneesturm aufbrechen, tun das in ihrer Freizeit und riskieren dabei selbst Kopf und Kragen. Kremsers Satz, dass eine weitere Nacht dort oben vermutlich tödlich geendet hätte, zeigt, wie knapp es war. Ohne die Retter, die ihn anseilten und Schritt für Schritt durch den Tiefschnee nach unten brachten, wäre der junge Mann den Elementen weitgehend schutzlos ausgeliefert gewesen. Die Frage, wer am Ende die Kosten des aufwendigen Einsatzes trägt, beantworten die bisherigen Berichte nicht.
Was „Bild“ anders darstellt als die Quellen: Die Zeitung schreibt, der Deutsche habe „fast 14 Stunden lang“ auf seine Rettung warten müssen, und später, seit dem Notruf seien „fast 14 Stunden vergangen“, als er in Sicherheit war. Die 14 Stunden beziehen sich laut Bergrettung auf die Dauer des gesamten Einsatzes. Auf die Retter warten musste er von etwa 19 Uhr bis kurz vor Mitternacht, also rund fünf Stunden. Danach war er bereits in der Obhut der Bergrettung, der Abstieg dauerte bis 8.18 Uhr.
Außerdem verschweigt „Bild“ die Aussage des Geretteten, er sei im Einverständnis mit der Gruppe zurückgeblieben und eigenständig umgekehrt. Überschrift und Text („Freunde lassen Deutschen zurück“, „ließen … ihren erschöpften Freund … zurück“) legen ein einseitiges Bild nahe. Dass es sich um „Freunde“ handelt, steht in den Mitteilungen der Bergrettung nicht – dort ist von „Begleitern“ die Rede. Auch dass der Bericht an die Staatsanwaltschaft geht, die über eine strafrechtliche Relevanz entscheidet, und dass der Mann unverletzt blieb, fehlt.
Kleinere Ungenauigkeiten: „Bild“ schreibt, der Hubschrauber habe „nicht starten“ können. Laut Bergrettung konnte er wegen der Bedingungen nicht zum Bergsteiger fliegen. Die Ortsmarke „Salzburg“ meint das Bundesland – der Einsatz fand im Pongau, im Gemeindegebiet von Mühlbach am Hochkönig, statt. Und die Begleiter stiegen nicht einfach „am Sonntagvormittag“ ab: Laut ORF waren sie bis zum frühen Abend unterwegs. Die übrigen Angaben – Höhe, Uhrzeit des Notrufs, elf Retter, 20 Zentimeter Neuschnee, die Zitate von Haggenmüller und Kremser – stimmen mit der Aussendung der Bergrettung überein.
Was bleibt, ist eine eindringliche Mahnung der Bergrettung: Wetterberichte ernst nehmen, Warnungen anderer nicht ignorieren, früh genug starten und rechtzeitig umkehren. Gerade im Spätherbst, wenn die Hütten geschlossen sind und das Wetter in Stunden umschlagen kann, wird aus einem sportlichen Abenteuer schnell ein Kampf ums Überleben – für die Bergsteiger und für die, die sie retten müssen.
KOMMENTAR / MEINUNG: Man stelle sich die Szene vor: Einer kann nicht mehr, die beiden anderen beschließen, dass die Aussicht vom Gipfel eines geschlossenen Hauses einfach zu verlockend ist. Teamgeist wird am Berg offenbar neuerdings so interpretiert, dass jeder sein eigenes Abenteuer bekommt – der eine eben mit elf Bergrettern als Begleitung.
KOMMENTAR / MEINUNG: Besonders beeindruckend ist die Planung. Spät losgehen, die Warnung einer erfahrenen Bergsteigerin überhören, die Wetter-App ignorieren und im Spätherbst auf eine Hütte zusteuern, die längst Winterpause macht. Mehr Selbstvertrauen hat man selten erlebt – leider auch selten so wenig Grund dafür.
KOMMENTAR / MEINUNG: Die eigentlichen Helden dieser Nacht tauchen in keinem Gipfelbuch auf. Ehrenamtliche Retter, die bei Schneerutschen und Absturzgefahr stundenlang einen Fremden ins Tal begleiten, während andere sich vom Ausblick verabschieden. Dass sie danach noch freundlich vom Umkehren sprechen, statt die Rechnung mit Ausrufezeichen zu schicken, verdient höchsten Respekt.
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Quellen:
BILD (Ausgangsartikel): https://www.bild.de/news/ausland/bei-kaelteeinbruch-in-alpen-in-oesterreich-freunde-lassen-deutschen-auf-2600-metern-zurueck-6ae71d9182dfc5c67ce5a366
Bergrettung Salzburg, Presseaussendung: https://www.bergrettung-salzburg.at/news/muehlbach-naechtliche-bergung-vom-notausstieg-koenigsjodler/
ORF Salzburg: https://salzburg.orf.at/stories/3377642/
Salzburger Nachrichten: https://www.sn.at/salzburg/chronik/14-stunden-einsatz-bergrettung-holte-erschoepften-mann-aus-klettersteig-art-681511
Kurier: https://kurier.at/chronik/salzburg/hochkoenig-bergrettung-koenigsjodler-salzburg-bergsteiger-schneefall/403202379
Kronen Zeitung: https://www.krone.at/4357792
Salzburg24: https://www.salzburg24.at/news/salzburg/pongau/fuer-alle-lebensgefaehrlich-bergsteiger-20-bei-14-stunden-einsatz-am-hochkoenig-gerettet-art-343173
5 Minuten: https://www.5min.at/salzburg/5202611011031/von-begleitern-verlassen-kletterer-20-aus-2-600-metern-gerettet/
Heute: https://www.heute.at/s/haette-nicht-ueberlebt-freund-auf-berg-zurueckgelassen-120275403
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