
Berlin – Er sollte das Vorzeigeprojekt der schnellen Beschaffung werden, jetzt steht er nach SPIEGEL-Informationen auf einem „kritischen Pfad“: Der Leichte Kampfhubschrauber H145M der Bundeswehr kann laut einem vertraulichen Bericht des Bundesrechnungshofs auf absehbare Zeit fliegen, aber nicht schießen. Grund sind unter anderem Probleme mit der Munition für die Bordkanone. BILD macht daraus ein „Milliarden-Debakel“ für Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Wir haben die Zahlen mit Bundestag, Verteidigungsministerium, Airbus und Fachmedien abgeglichen – mit dem Ergebnis, dass der Auftrag sogar größer ist, als BILD schreibt, und manche Einschränkung von Anfang an eingeplant war.
Um welchen Hubschrauber geht es? Nicht um den schweren Transporthubschrauber CH-47 Chinook, sondern um den H145M von Airbus Helicopters, in der Bundeswehr „Leichter Kampfhubschrauber“, kurz LKH, genannt. Er ist die militärische Version des zivilen H145, der auch in der Luftrettung fliegt. Als Brückenlösung soll er den Kampfhubschrauber Tiger ablösen, der nach Angaben des Verteidigungsministeriums nur noch bis 2032 im Dienst ist. Die Spezialkräfte der Luftwaffe in Laupheim nutzen eine eng verwandte Version, den H145M LUH SOF, bereits seit rund zehn Jahren.
Die Eckdaten des Auftrags sind öffentlich dokumentiert. Am 13. Dezember 2023 billigte der Haushaltsausschuss des Bundestages das Vorhaben, am 14. Dezember unterschrieb das Beschaffungsamt BAAINBw in Koblenz den Rahmenvertrag mit Airbus Helicopters. Er umfasst bis zu 82 Hubschrauber: 62 fest bestellt, 20 als Option. Für die 62 Maschinen nennt das Verteidigungsministerium ein Volumen von „insgesamt rund 2,63 Milliarden Euro“, finanziert aus dem Sondervermögen und ab 2028 aus dem regulären Wehretat. Darin enthalten sind laut Ministerium auch Bewaffnung und Munition für die Ausbildung, Ersatzteile, Simulatoren und Service über sieben Jahre. Am 13. November 2025 billigte der Haushaltsausschuss laut Fachmagazin ESUT dann auch den Abruf der 20 Optionen, dotiert mit rund einer Milliarde Euro, Lieferung von 2027 bis 2029.
BILD schreibt von „rund 2,5 Milliarden Euro“. Das ist zu niedrig gegriffen: Schon die Festbestellung liegt laut Ministerium bei 2,63 Milliarden Euro, mit den 20 nachbestellten Maschinen summiert sich das Projekt auf rund 3,6 Milliarden Euro. Der Rechnungshof hatte bereits im Dezember 2023, kurz vor der Ausschusssitzung, in einem damals ebenfalls vertraulichen Bericht Gesamtkosten von über 4,12 Milliarden Euro genannt, berichtete seinerzeit Business Insider – und kritisiert, dass die Finanzierung zu großen Teilen nicht gesichert sei und die Bundeswehr Einschränkungen bei „Gefechtstauglichkeit“ und „Schutz eigener Kräfte“ hinnehme.
Was steht im neuen Bericht? Das Original ist nicht öffentlich. Bekannt ist es aus dem SPIEGEL, der am Sonntag um 16:24 Uhr berichtete, Autor ist Matthias Gebauer. BILD und der Bayerische Rundfunk beziehen sich ausdrücklich darauf. Demnach erhält die Bundeswehr die Hubschrauber zunächst in einer „vorläufigen Konfiguration“, die „nicht kämpfen, sondern lediglich ausbilden“ könne. Die bisher verfügbare 20-Millimeter-Munition für die Bordkanone könne wegen „einer elektrostatischen Empfindlichkeit des Anzündhütchens“ nicht als sicher eingestuft werden, wann der Hersteller das behebe, sei offen. Die Prüfer werfen dem Ministerium vor, den Aufwand unterschätzt zu haben, aus einem zivilen Hubschrauber ein militärisches Kampfgerät zu machen. Gebauer fasste auf X zusammen, der Bericht beschreibe, wie stark sich die volle Einsatzfähigkeit verzögere und warum Deutschland deswegen Zusagen an die Nato reiße.
Zweiter Kritikpunkt laut Bericht: die Panzerabwehr-Lenkflugkörper. Erste Schussversuche im Mai 2025 hätten wegen technischer Probleme bei der Steuerung abgebrochen werden müssen. Trotzdem plane das Ministerium, für 384 Millionen Euro Lenkflugkörper zu beschaffen, bevor deren Einsatzfähigkeit nachgewiesen sei. Der Rechnungshof warne vor dem Risiko, „dass der Lenkflugkörper die Einsatzprüfung nicht besteht“. Um welchen Typ es geht, nennt BILD nicht. Vorgesehen ist nach Angaben des Fachportals hartpunkt der Spike ER2, den das BAAINBw im Juli 2026 bei der EuroSpike GmbH zur Qualifizierung auf dem LKH beauftragt hat. Bei Vorführungen von Airbus war der Flugkörper bereits 2022 von einem H145M verschossen worden.
Wichtig zur Einordnung: Dass viele der Maschinen zunächst ohne Waffen fliegen, ist nicht neu und war zum Teil geplant. Laut hartpunkt sieht der Vertrag 24 Hubschrauber in der Rolle Kampf, 33 in der Rolle Ausbildung und fünf für Spezialkräfte vor. Im August berichtete der Hardthöhenkurier aus dem Ausbildungszentrum Bückeburg, dort seien elf Maschinen eingetroffen, bis Jahresende sollten es 16 sein, bis 2028 insgesamt 23 – „ohne Waffensysteme, aber aufrüstbar“. Schon damals mahnte der General der Heeresfliegertruppe, Brigadegeneral Volker Bauersachs: „Wir müssen jetzt in der Qualifizierung der Bewaffnung entscheidend weiterkommen.“ Neu am Rechnungshof-Bericht ist also nicht, dass Ausbildungsmaschinen unbewaffnet sind, sondern dass auch die Kampfversion auf absehbare Zeit nicht scharf schießen kann.
Was bedeutet das für die Nato? BILD schreibt, die Bundeswehr solle der Allianz bis 2029 zwölf und ab 2032 insgesamt 72 einsatzbereite Kampfhubschrauber stellen. Das deckt sich mit offiziellen Aussagen. Bauersachs nannte im Hardthöhenkurier als Ziel, „mit zwölf voll operativ einsatzbereiten Luftfahrzeugen eine Erstbefähigung für den Kampf aus dem bodennahen Luftraum dem Deutschen Heer sowie der NATO im Jahr 2029 zur Verfügung zu stellen“. Bis 2032 sollen drei Kampfhubschrauberbataillone mit je 24 LKH stehen. Ob diese Ziele zu halten sind, hängt nach dem Bericht vor allem an Munition und Lenkflugkörpern.
Die Prüfer empfehlen laut BILD, das Projekt grundlegend zu überprüfen und die Bestellung „weiterer 20 Helikopter“ vorerst auszusetzen. Hier ist eine Unklarheit: Die 20 Optionen aus dem Rahmenvertrag hat der Haushaltsausschuss nach ESUT-Angaben bereits im November 2025 freigegeben. Ob der Rechnungshof eine weitere Tranche meint – das Heer plant laut Hardthöhenkurier mit insgesamt 95 H145M – oder ob sein Bericht älter ist als die Freigabe, geht aus den öffentlich zugänglichen Berichten nicht hervor. Auch das Datum des Rechnungshof-Berichts ist nicht bekannt.
Und die Betroffenen? Bis Sonntagabend haben wir weder vom Verteidigungsministerium noch vom BAAINBw oder von Airbus Helicopters eine öffentliche Stellungnahme zu dem Bericht gefunden, auch nicht bei einer Suche auf X. Der Rechnungshof selbst äußert sich zu vertraulichen Berichten an den Haushaltsausschuss in der Regel nicht. Wer die 20-Millimeter-Munition herstellt, ist öffentlich nicht bestätigt. Für die Kanone im HForce-System nennt hartpunkt den Kanonen-Pod NC621 aus Frankreich.
Zum Minister: Pistorius hatte den H145M zum Erfolgsbeispiel erklärt. Bei der Übergabe des ersten Hubschraubers im November 2024 in Donauwörth, nur elf Monate nach Vertragsschluss, sprach er laut ESUT von „einem herausragenden Beispiel dafür, dass wir die Drehzahl in der Beschaffung deutlich erhöht haben“. Statt jahrelang an „Goldrandlösungen“ zu arbeiten, setze man auf Marktverfügbarkeit. Die schnelle Lieferung der Hubschrauber selbst hat geklappt. Das Problem liegt, so wie es der Bericht beschreibt, bei dem, was die Maschinen erst zu Kampfhubschraubern macht: Waffen, Munition, Zulassung.
Der Fall reiht sich in eine Serie ein. Bei der Marine wurde das Projekt Fregatte 126 eingestellt, als Ersatz billigte der Haushaltsausschuss im Juli vier und am 8. Oktober vier weitere Fregatten des Typs MEKO A-200 bei TKMS. Für die zweite Tranche nennen Medienberichte laut bundeswehr-journal rund 5,3 Milliarden Euro, die erste Lieferung ist für Ende 2029 geplant. BILD schreibt, auch dort gebe es „Probleme“, ohne sie zu benennen. Belegt sind vor allem die Probleme beim Vorgänger F126, die zum Abbruch führten.
BILD nennt Pistorius in der Überschrift einen Minister, dem ein „Milliarden-Debakel“ drohe, und spricht von „Rohrkrepierer statt Zeitenwende“. Das ist Wertung. Belegt ist bislang: Ein vertraulicher Prüfbericht sieht erhebliche Verzögerungen bei der Kampffähigkeit, das Geld ist bewilligt, die Hubschrauber werden geliefert. Ob es ein „Debakel“ wird, entscheidet sich daran, ob Munition und Lenkflugkörper bis 2029 zugelassen sind.
KOMMENTAR / MEINUNG: Ein Kampfhubschrauber, der nicht schießen kann, ist ein sehr teurer Rundflug. Immerhin fliegt er pünktlich – das kann man in Deutschland nicht von jedem Verkehrsmittel behaupten. Nur hatte die Truppe eigentlich nicht nach einem Ausflugsgerät gefragt.
KOMMENTAR / MEINUNG: Ob der Minister überfordert ist, wie es manche Schlagzeile nahelegt, sei dahingestellt. Sicher ist: Wer laut die Drehzahl der Beschaffung feiert, sollte auch einmal nach dem Anzündhütchen fragen. Ein Hubschrauber aus dem Regal ist schnell gekauft – die Munition dazu offenbar nicht.
KOMMENTAR / MEINUNG: Bemerkenswert ist vor allem, dass der Rechnungshof schon vor der ersten Unterschrift gewarnt hat. Damals hieß es, man habe keine Zeit für Bedenken. Heute hat man dafür jede Menge Zeit – auf dem Boden, mit leeren Waffenhalterungen.
Was halten Sie von der Beschaffungspolitik der Bundeswehr? Kennen Sie das Projekt aus der Truppe? Schreiben Sie uns – und teilen Sie diesen Faktencheck!
Quellen:
BILD – Für 2,5 Milliarden Euro: Neue Bundeswehr-Hubschrauber haben großes Manko (01.11.2026): https://www.bild.de/politik/inland/fuer-2-5-milliarden-euro-neue-bundeswehr-hubschrauber-haben-grosses-manko-6ae760b05e7018b4bea94e7f
DER SPIEGEL – Neue Kampfhubschrauber bleiben vorerst ohne Bewaffnung (01.11.2026, SPIEGEL+): https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-neue-kampfhubschrauber-bleiben-vorerst-ohne-bewaffnung-a-3863e2b0-60a1-4b7f-a780-4b74296fbe29
Matthias Gebauer auf X (01.11.2026): https://x.com/gebauerspon/status/2116949116999836118
BR24 – Neue Hubschrauber der Bundeswehr laut Bericht ohne Munition: https://www.br.de/nachrichten/meldung/neue-hubschrauber-der-bundeswehr-laut-bericht-ohne-munition%2C30081f3e0
BMVg – Bundeswehr kauft leichte Kampfhubschrauber: https://www.bmvg.de/de/aktuelles/beschaffung-kampfhubschrauber-kryptotelefone-und-weitere-5716992
BAAINBw via Presseportal – Leichter Kampfhubschrauber für die Bundeswehr (14.12.2023): https://www.presseportal.de/pm/147341/5671962
Airbus – Airbus Helicopters and German Armed Forces sign largest H145M contract (14.12.2023): https://www.airbus.com/en/newsroom/press-releases/2023-12-airbus-helicopters-and-german-armed-forces-sign-largest-h145m
ESUT – 20 leichte Kampfhubschrauber H145M gebilligt (November 2025): https://esut.de/2025/11/meldungen/65337/20-leichte-kampfhubschrauber-h145m-gebilligt/
ESUT – „Gelebte Zeitenwende“ – Airbus liefert ersten H145M an die Bundeswehr aus (November 2024): https://esut.de/2024/11/meldungen/54826/gelebte-zeitenwende-airbus-liefert-ersten-h145m-an-die-bundeswehr-aus/
hartpunkt – Bundeswehr erhält ersten Leichten Kampfhubschrauber H145M: https://www.hartpunkt.de/bundeswehr-erhaelt-ersten-leichten-kampfhubschrauber-h145m/
hartpunkt – Spike ER2: Leichter Kampfhubschrauber bekommt neue Flugkörperbewaffnung (22.07.2026): https://www.hartpunkt.de/spike-er2-leichter-kampfhubschrauber-bekommt-neue-flugkoerperbewaffnung/
hartpunkt – Spezialkräfte der Bundeswehr erhalten die ersten beiden H145M LKH SOF: https://www.hartpunkt.de/spezialkraefte-der-bundeswehr-erhalten-die-ersten-beiden-h145m-lkh-sof/
Hardthöhenkurier – Premiere beim H145M: Schulung gleich auf dem Einsatzsystem (06.08.2026): https://hardthoehenkurier.de/premiere-beim-h145m-schulung-gleich-auf-dem/
Business Insider – H145M der Bundeswehr: Die geheime Mängel-Liste des Rechnungshofs (13.12.2023): https://www.businessinsider.de/politik/deutschland/h145m-der-bundeswehr-die-geheime-maengel-liste-des-rechnungshofs/
bundeswehr-journal – Haushaltsausschuss billigt vier weitere MEKO-Fregatten (08.10.2026): https://www.bundeswehr-journal.de/2026/haushaltsausschuss-billigt-vier-weitere-meko-fregatten/
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