Ausgerechnet Grönland, eines der weltweit wichtigsten Symbole für die Debatte um Erderwärmung, Gletscherschmelze und steigende Meeresspiegel, liefert zum Ende des aktuellen hydrologischen Jahres eine überraschende Nachricht: Die Eismasse des grönländischen Eisschilds hat in der Saison von September bis August nach den vorläufigen Daten um sechs Gigatonnen zugenommen. Das ist zwar gemessen an der gigantischen Gesamtmasse des Eisschilds nur ein kleiner Ausschlag, dennoch steht das Plus auffällig neben den massiven Verlusten, die in den vergangenen Jahren gemeldet wurden. Noch für das vorherige Jahr nennt der europäische Klimabericht einen Verlust von hundertneununddreißig Gigatonnen. Diese Menge soll ungefähr dem Anderthalbfachen des gesamten Eisvolumens aller Gletscher der europäischen Alpen entsprechen und den globalen mittleren Meeresspiegel um rund vier Zehntel Millimeter erhöht haben. Seit Anfang der siebziger Jahre sollen sich die gesamten Verluste auf fünftausendsiebenhundertsiebenundvierzig Gigatonnen summiert haben. Zudem wird berichtet, dass sich die Rate des Eisverlusts seit den achtziger Jahren ungefähr verfünffacht habe und nach wissenschaftlichen Projektionen noch weit über das Ende dieses Jahrhunderts hinaus anhalten könnte. Genau an diesem Punkt setzt jedoch eine kontroverse Debatte an: Kritiker verweisen darauf, dass einzelne Jahreswerte und langfristige Entwicklungen nicht verwechselt werden dürften und dass die Geschichte des grönländischen Eisschilds wesentlich weiter zurückreicht als die heute häufig herangezogenen Messreihen seit den siebziger Jahren. Der Autor Paul Homewood führt an, dass Grönland bei einer unveränderten heutigen Verlustgeschwindigkeit rechnerisch etwa siebenundzwanzigtausend Jahre benötigen würde, um vollständig abzuschmelzen. Er erinnert zugleich daran, dass die siebziger Jahre auf eine längere Phase vergleichsweise niedriger Temperaturen folgten und damals sogar Sorgen vor einer stärkeren Abkühlung und einer möglichen Rückkehr kälterer Klimabedingungen verbreitet waren. Entscheidend ist dabei der Blick auf deutlich längere Zeitreihen. Offizielle Rekonstruktionen reichen bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurück. Eine im Jahr zweitausendeinundzwanzig veröffentlichte und begutachtete Studie rekonstruierte die jährlichen Veränderungen der grönländischen Eismasse seit achtzehnhundertvierzig. Diese Daten zeigen zwar deutlich, dass der Eisschild seit den achtziger Jahren an Masse verliert, sie zeigen aber ebenfalls, dass die Schmelzphase keineswegs erst in der jüngeren Gegenwart begann. Bereits um die Jahrhundertwende setzte ein deutlicher Rückgang ein. Zwischen den zwanziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bewegten sich die Verluste den Angaben zufolge teilweise auf einem Niveau, das mit den vergangenen drei Jahrzehnten vergleichbar ist. Homewood sieht darin einen Hinweis darauf, dass die heutige Entwicklung nicht isoliert betrachtet werden könne. Nach seiner Darstellung zeigen Temperaturreihen aus verschiedenen Regionen Grönlands, dass es in Teilen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ähnlich warm gewesen sei wie in der Gegenwart. In den siebziger und achtziger Jahren sei dann ein deutlicher Temperaturrückgang erfolgt, bevor die Temperaturen später erneut stiegen. Aus seiner Sicht gehört die heutige Entwicklung deshalb zu einem wesentlich längeren klimatischen Prozess, dessen Ursachen und Schwankungen nicht ausschließlich auf die vergangenen Jahrzehnte beschränkt werden können.
Besonders aufmerksam macht nun die Entwicklung des jüngsten hydrologischen Jahres. In Grönland werden Eis- und Schneebilanz üblicherweise nicht nach dem Kalenderjahr, sondern für den Zeitraum von September bis August betrachtet. Für die Saison, die im August zweitausendsechsundzwanzig endete, deuten die vorläufigen Daten auf einen Zuwachs von sechs Gigatonnen hin. Nach Darstellung Homewoods hat sich der Eisverlust seit der großen Rekonstruktion von zweitausendeinundzwanzig weiter abgeschwächt und zuletzt wieder Größenordnungen erreicht, wie sie bereits in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beobachtet worden seien. Ein entscheidender Faktor soll der ungewöhnlich kühle und schneereiche Sommer gewesen sein. Normalerweise beginnt die stärkere Sommerschmelze in Grönland bereits Anfang Juni. In diesem Jahr aber hielt kaltes und verschneites Wetter nach dieser Darstellung bis weit in den Juli hinein an. Dadurch sei die Sommerschmelze um rund zweihundert Gigatonnen unter dem üblichen Vergleichswert geblieben. Das Wettergeschehen wird dabei mit einer großräumigen Lage des Jetstreams in Verbindung gebracht. Während große Teile Europas zeitweise unter stabilen Hochdruckgebieten und sommerlicher Hitze lagen, blieben feuchte und kühlere Luftmassen verstärkt über dem Atlantik und trafen Grönland. Damit zeigt sich, wie stark die jährliche Oberflächenbilanz des Eisschilds von regionalen Wetterlagen, Niederschlägen, Schneefall, Temperatur und der Dauer der Schmelzsaison abhängt. Gerade deshalb warnen Fachleute generell davor, aus einem einzelnen Jahr eine dauerhafte Trendwende abzuleiten. Ein Plus in einer Saison bedeutet nicht automatisch, dass der langfristige Masseverlust beendet ist. Umgekehrt zeigt ein besonders verlustreiches Jahr ebenfalls nicht zwangsläufig, dass sich die Entwicklung in genau dieser Geschwindigkeit fortsetzen muss. Hinzu kommt eine weitere wichtige Einschränkung: Veränderungen des grönländischen Eisschilds lassen sich nicht wie das Gewicht eines einzelnen Körpers direkt auf einer Waage messen. Vielmehr werden unterschiedliche Messverfahren, Satellitendaten, Wetterdaten, Schneemodelle, Niederschlagsdaten und weitere Berechnungen miteinander kombiniert. Homewood verweist deshalb auf erhebliche Unsicherheitsbereiche und nennt mögliche Abweichungen von bis zu hundert Gigatonnen. Gerade vor diesem Hintergrund sei der aktuelle Zuwachs von sechs Gigatonnen zwar statistisch klein, aber als Hinweis auf die enorme natürliche Schwankungsbreite einzelner Jahre dennoch bemerkenswert. Für die Klimadebatte bedeutet das: Die kurzfristige Entwicklung kann erheblich von der längerfristigen Tendenz abweichen. Während Klimamodelle und große internationale Datensätze weiterhin einen langfristigen Verlust der grönländischen Eismasse zeigen, erinnern historische Rekonstruktionen daran, dass es auch früher bereits Phasen starker Erwärmung, kräftiger Schmelze und anschließender Abkühlung gab. Die aktuelle Saison liefert deshalb vor allem eines: ein Beispiel dafür, wie kompliziert die tatsächliche Entwicklung eines gewaltigen Eisschilds ist und wie vorsichtig einzelne Jahreswerte eingeordnet werden müssen.
Auch der Blick weit zurück in die Klimageschichte Grönlands spielt in der Diskussion eine zentrale Rolle. Homewood argumentiert, dass das neunzehnte Jahrhundert wahrscheinlich zu den kältesten Zeitabschnitten Grönlands seit dem Ende der letzten Eiszeit gehört habe. In früheren warmen Epochen, etwa im Mittelalter, während der Römerzeit und in noch weiter zurückliegenden Jahrtausenden, sei der Eisschild zeitweise kleiner gewesen als heute. Daraus zieht er den Schluss, dass Veränderungen der vergangenen hundert Jahre nicht losgelöst von langfristigen natürlichen Schwankungen betrachtet werden dürften. Gleichzeitig steht fest, dass moderne Messungen seit Jahrzehnten einen erheblichen Nettoverlust der grönländischen Eismasse dokumentieren. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Grönland in einzelnen Jahren Eis gewinnen kann – das kann es offensichtlich –, sondern wie sich die Gesamtbilanz über viele Jahrzehnte entwickelt und welchen Anteil natürliche Schwankungen, Wetterlagen, Ozeanbedingungen und die globale Erwärmung jeweils daran haben. Der Zuwachs von sechs Gigatonnen in der jüngsten Saison steht jedenfalls in deutlichem Kontrast zum Verlust von hundertneununddreißig Gigatonnen im Vorjahr und zeigt, wie extrem die Unterschiede von Jahr zu Jahr ausfallen können. Gleichzeitig bleibt die langfristige historische Bilanz seit Anfang der siebziger Jahre deutlich negativ. Wer die aktuelle Entwicklung seriös einordnen will, muss deshalb beide Seiten betrachten: die langfristigen Verluste ebenso wie die starken kurzfristigen Schwankungen und die historischen Perioden, in denen Grönland bereits lange vor der modernen Industrialisierung deutliche Erwärmungs- und Abkühlungsphasen erlebte. Der aktuelle Eis-Zuwachs ist damit weder ein Beweis dafür, dass die globale Erwärmung beendet wäre, noch darf er als völlig bedeutungslos abgetan werden. Er ist ein weiteres Puzzleteil in einem komplexen Klimasystem, dessen Entwicklung nur über lange Zeiträume zuverlässig bewertet werden kann. Fest steht aber: Im hydrologischen Jahr bis August zweitausendsechsundzwanzig hat Grönlands Eisschild nach den vorläufigen Daten nicht weiter verloren, sondern leicht zugelegt – und genau diese überraschende Entwicklung dürfte die Diskussion über Klimatrends, historische Vergleichszeiträume und die Aussagekraft einzelner Jahresbilanzen erneut kräftig anheizen.
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