In den heiligen Hallen des Paul-Löbe-Hauses in Berlin brodelte es am Montagnachmittag, als die Enquete-Kommission Corona zur öffentlichen Anhörung zusammentrat. Das Thema war brisant wie nie zuvor: Welche Rolle spielten Wissenschaft und Medien wirklich in der Kommunikation während der überraschenden und unvorhergesehenen Gesundheitskrise? Die Worte fielen hart, die Vorwürfe flogen, und die Spannung im Europasaal war greifbar. Bürger im ganzen Land fragen sich seit Jahren, warum so vieles schiefging – und jetzt kamen die Experten und legten den Finger in die Wunde.
Die Corona-Pandemie hat das Land gespalten, Familien entzweit und Vertrauen zerstört. In Zeiten, in denen niemand die richtigen Worte fand, wurde die Kommunikation zum Schlachtfeld. Die Kommission, der 14 Abgeordnete sowie 14 externe Sachverständige angehören, arbeitet interdisziplinär daran, wie Risikobewertung, Früherkennung und Krisenbewältigung in künftigen Pandemien effektiver gestaltet werden können. Doch was in der Anhörung am Montag, dem 2. November 2026, um 14 Uhr im Sitzungssaal 4.900 herauskam, ließ manchen Zuhörer schaudern.
Tilman Betsch, Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt, schlug als Erster Alarm. „Es ist sehr schwer, Unsicherheiten zu kommunizieren, weil die Leute sowas nicht hören wollen“, sagte er unmissverständlich. Was nicht so gut lief: Es kam zu einem normativen Einfluss der Wissenschaft. Die Politik müsse abwägen und gewichten – nicht die Wissenschaft moralisieren. Für zukünftige Krisen schlug Betsch die Einführung eines „Chief Scientific“-Beraters vor. Ein klarer Ruf nach Trennung der Rollen, denn „Follow the Science“ wurde zum gefährlichen Motto, das Grenzen verwischte.
Doch dann kam der Hammer: Medienforscher Michael Meyen ging mit der journalistischen Berichterstattung in der Corona-Pandemie ins Gericht und sparte nicht an Vorwürfen. „Ich erlebte Medien, die der Politik folgen“, donnerte er. Repressive Maßnahmen seien befürwortet worden, um Sendezeiten zu bekommen. Man müsse den Redaktionen den Vorwurf machen, dass sie keine Fragen gestellt hätten. „Wir erlebten eine Schock-Strategie. Die Menschen sind paralysiert worden mit einer Masse an Daten.“ Das Bild eines eingeschüchterten Volkes, das mit Zahlen bombardiert wurde, während kritische Stimmen verstummten, traf ins Mark. Meyen sprach von Leitmedien, die Angst schürten und Proteste delegitimierten – eine Anklage, die viele als Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen empfinden.
Über ihre Rolle als Journalistin berichtete Korinna Hennig, Teamleiterin Wissen beim NDR, und ihre Äußerungen unterschieden sich von ihrem Vorredner stark. Sie habe nie einen „Draht“, eine direkte Einmischung der Politik in den Sender hinein erlebt. Sie betonte die Grenzen der Expertise, die sich in der Pandemie gezeigt hätten. „Die Einschätzungen änderten sich von Tag zu Tag.“ Hennig verwies auf Unterschiede zwischen Politik- und Wissenschaftsjournalismus. Ersterer suche Vielfalt, während für den letzteren der wissenschaftliche Konsens entscheidend sei. „Wir müssen mehr erklären, welche Experten eingeladen werden.“ Eine Verteidigung, die manchen zu glatt vorkam angesichts der täglichen Kehrtwenden.
Peter Weingart, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld, gab zu bedenken, dass es während der Pandemie neben der Beratung durch das Robert Koch-Institut auch eine informelle Beratung gegeben habe, in der Sozialwissenschaftler und Mediziner zusammen gewirkt hätten. Nur habe diese Beratung darunter gelitten, dass sie nicht von vornherein ausreichend strukturiert gewesen sei. „Die Einbettung anderer Disziplinen lief nicht so gut“, sagte Weingart. „Wissenschaftliche Erkenntnisse können politische Entscheidungen legitimieren. Und wissenschaftliche Berater können von der Politik instrumentalisiert werden.“ Ein gefährliches Spiel mit der Wahrheit, das Vertrauen kostete.
Raimund Geene, Professor an der Berlin School for Public Health, kritisierte, dass manche Institutionen während der Pandemie in der Kommunikation weniger zum Zuge gekommen seien. „Es ist noch unterbelichtet, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ausgefallen ist“, sagte er. Auch die Nationale Präventionskonferenz sei nicht zum Zuge gekommen. Dies habe zur Folge gehabt, dass Probleme in den Lebenswelten der Menschen nicht kommuniziert werden konnten. Ein Ausfall, der Infektionen und Polarisierung begünstigte – ein Skandal der Unterbelichtung!
Nüchtern bewertete Marcus Maurer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mainz, die Arbeit der Medien während der Corona-Zeit. Diese seien zwar mehrheitlich im „Team Vorsicht“ gewesen. Wenn es aber darum gegangen sei, Corona-Maßnahmen zu beenden, habe es in den Medien eher einen großen Dissens gegeben. „Es stimmt nicht, dass die Berichterstattung regierungsfreundlich war.“ Medien sollten aber besser die Ungewissheiten wissenschaftlicher Erkenntnisse abbilden. Eine nüchterne Analyse, die dennoch das Versagen in der Unsicherheitskommunikation unterstreicht.
Die Menschen draußen vor den Bildschirmen spürten die Angst in den Knochen, als die Nachrichten überfüllte Intensivstationen und tägliche Todeszahlen verkündeten. Familien stritten, Freunde verloren sich aus den Augen, und die Gesellschaft schien in zwei Lager zu zerbrechen. Wer hinterfragte, wurde schnell als Querdenker abgestempelt, während die Masse der Daten wie eine Lawine über das Land rollte und jeden Zweifel erstickte. In den Wohnzimmern saßen Bürger, die sich ohnmächtig fühlten, paralysiert von der schieren Menge an Informationen, die keinen Raum für Fragen ließ. Es war, als hätte eine unsichtbare Hand die kritische Stimme der Presse zum Schweigen gebracht, während die Politik die Richtung vorgab und die Wissenschaft als Legitimation diente.
Die Enthüllungen in der Anhörung zeigen ein System, das unter Druck zusammenbrach. Medien, die Sendezeiten sicherten, indem sie repressive Maßnahmen unterstützten. Wissenschaftler, die normativen Einfluss ausübten, statt nur Fakten zu liefern. Institutionen, die ausfielen, genau dann, wenn die Lebenswelten der Menschen erklärt werden mussten. Der Schock sitzt tief, denn viele erinnern sich an die Tage, an denen Einschätzungen sich von Stunde zu Stunde änderten und niemand mehr wusste, wem er trauen konnte. Die Paralysierung durch Daten war real – und sie hat Spuren hinterlassen, die bis heute schmerzen.
Für die Zukunft fordert die Kommission klare Lehren. Ein Chief Scientific Advisor, bessere Strukturierung der Beratung, mehr Erklärung zu Experten und Unsicherheiten. Die 14 Abgeordneten und 14 Sachverständigen haben eine gewaltige Aufgabe: Vertrauen zurückgewinnen. Ob das gelingt, entscheidet sich in den kommenden Monaten bis zum Abschlussbericht.
Quellen:
- Deutscher Bundestag: Experten zur Rolle der Medien in der Corona-Pandemie – https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2026/kw45-pa-enquete-corona-1225336
- Deutsche Welle: Corona: Wie kommunizierten Politik, Wissenschaft und Medien? – https://www.dw.com/de/corona-wie-kommunizierten-politik-wissenschaft-und-medien-in-der-pandemie/a-79844661
- Deutsches Ärzteblatt: Pandemieaufarbeitung: Fachleute sehen Schwachstellen bei Krisenkommunikation – https://www.aerzteblatt.de/news/pandemieaufarbeitung-fachleute-sehen-schwachstellen-bei-krisenkommunikation-8079808e-eb3d-484f-b090-e09a229ff7e3
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