MÜNZEN EINGESCHMOLZEN: SILBER-CHAOS KOSTET 1,4 MILLIONEN EURO

Symbolfoto: Blanke, unbeprägte Silberrohlinge rutschen aus einer Schaufel in einen glühenden Schmelztiegel
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Berlin – Erst geprägt, dann gestoppt, dann zerquetscht und eingeschmolzen: Zwei fertige Silber-Sammlermünzen des Bundes haben den Steuerzahler nach Angaben des Bundesfinanzministeriums zusammen 1.357.000 Euro gekostet – also knapp 1,4 Millionen Euro. Betroffen sind die Weihnachtsmünze „Heilige Drei Könige“ und die Jubiläumsmünze „125 Jahre Wuppertaler Schwebebahn“. Der Grund: Der Silberpreis war 2025 so stark explodiert, dass das Metall in den Münzen mehr wert war als die aufgeprägte Zahl. Jetzt kommen beide Münzen verspätet, mit weniger Silber und mit deutlich höherem Nennwert auf den Markt. Ein Grünen-Haushälter spricht von „fahrlässig geschreddertem“ Steuergeld – das Ministerium rechnet dagegen weiter mit einem Millionengewinn.

Woher stammt die Zahl? Nicht aus einem Prüfbericht des Bundesrechnungshofs und auch nicht aus einer offiziellen Kleinen Anfrage im Bundestag, sondern aus einem Schreiben des Bundesfinanzministeriums an den Grünen-Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer (47). Der Abgeordnete aus Esslingen, haushaltspolitischer Sprecher seiner Fraktion und Mitglied im Haushaltsausschuss, hatte das Ministerium per sogenannter Berichtsbitte um Auskunft gebeten. Über die Antwort berichtete zuerst der „Spiegel“ am Samstag, 31. Oktober 2026. Die Deutsche Presse-Agentur liegt das Schreiben nach eigenen Angaben ebenfalls vor, auch AFP und die Nachrichtenagentur dts griffen den Bericht auf. Am Nachmittag zog dann auch „Bild“ nach – und machte aus dem Vorgang eine „Panne im Finanzministerium“.

Die Rechnung im Detail, so wie sie aus dem Ministeriumsschreiben übereinstimmend zitiert wird: Für die Münze „Heilige Drei Könige“ fielen 624.000 Euro an, für die Münze „125 Jahre Wuppertaler Schwebebahn“ 733.000 Euro. Macht zusammen 1.357.000 Euro. Die bereits geprägten Stücke seien „in einer Prägestätte deformiert“, eingeschmolzen und mit einem neuen Nennwert neu geprägt worden. Wie viele Münzen genau in der Schmelze landeten, geht aus den bislang veröffentlichten Auszügen nicht hervor – der „Spiegel“ spricht von „Tausenden Sondermünzen“. Auch welche Prägestätte betroffen war, wird in den Berichten nicht genannt.

Zur Erinnerung, worum es überhaupt geht: Deutschland gibt jedes Jahr ein ganzes Programm an Sammlermünzen heraus. Die Ausgaben in der einfacheren Qualität Stempelglanz werden zum Nennwert in Umlauf gebracht – man kann sie etwa bei Filialen der Bundesbank zum aufgeprägten Betrag eintauschen. Die edlere Sammlerqualität Spiegelglanz verkauft die „Münze Deutschland“ zu einem Preis über dem Nennwert. Für den Bund ist das ein Geschäft: Die Differenz zwischen Herstellungskosten und Nennwert landet als sogenannter Münzgewinn im Haushalt.

Genau dieses Modell geriet 2025 ins Rutschen. Die Weihnachtsmünze „Heilige Drei Könige“ – ein Motiv mit Jesuskind, den drei Weisen, zwei Dromedaren und dem Stern von Bethlehem, entworfen von dem Künstler Christian Dögerl – war als 25-Euro-Münze aus Feinsilber geplant, 22 Gramm schwer, 30 Millimeter Durchmesser. Erscheinen sollte sie am 20. November 2025. Die Schwebebahn-Münze war als 20-Euro-Münze aus Sterlingsilber (Ag 925) mit 18 Gramm angekündigt. Das Bundesfinanzministerium hatte am 30. April 2025 mitgeteilt, die Bundesregierung habe die Prägung beschlossen, Ausgabe „voraussichtlich im Januar 2026“. Als Termin genannt wurde später der 22. Januar 2026 – noch vor dem 125. Geburtstag der Schwebebahn am 1. März 2026.

Dann kam die Edelmetall-Rallye. Nach Angaben der „Financial Times“, die den Stopp im Oktober 2025 als erstes Medium öffentlich machte, war der Silberpreis seit Jahresbeginn um rund 60 Prozent gestiegen. Mitte Oktober 2025 zog das Finanzministerium die Reißleine. Wörtlich hieß es damals: „Infolge des starken Anstiegs des Silberpreises liegt der Materialwert der deutschen 20-Euro- beziehungsweise 25-Euro-Silbermünzen zwischenzeitlich deutlich über dem jeweiligen Nennwert.“ Und weiter: „Die Neuausgabe entsprechender Münzen ist unter diesen Umständen nicht möglich.“ Man prüfe „Handlungsoptionen für eine spätere Ausgabe der Münzen – gegebenenfalls mit angepassten Parametern“.

Übersetzt heißt das: Hätte der Staat die Münzen ausgegeben, hätte er Silber im Wert von mehr als 20 oder 25 Euro für 20 oder 25 Euro verteilt. Schnäppchenjäger hätten die Stücke zum Nennwert eintauschen und als Rohsilber teurer weiterverkaufen können. In der Antwort an Schäfer begründet das Ministerium den Ausgabestopp laut den Berichten zudem mit „haushalterischen Gründen“. In einer späteren Pressemitteilung schrieb das Ressort, die Anpassung solle verhindern, dass die Münzen „zum Gegenstand von Spekulationen auf die Edelmetallpreisentwicklung werden oder ihre Ausgabe aus haushaltsrechtlichen Gründen unzulässig würde“. Bereits im Februar 2026 hatte das Ministerium erklärt, eine Ausgabe mit den alten Parametern sei „zwischenzeitlich rechtlich unmöglich“ geworden.

Die Lösung, auf die man sich schließlich einigte: weniger Silber, höhere Zahl. Die Bundesregierung änderte die Legierungen für die Stempelglanz-Münzen. Die neuen 35-Euro-Münzen bestehen nun aus 500 Tausendteilen Silber und 500 Tausendteilen Kupfer (Ag 500) und wiegen 17 statt 18 Gramm. Die neuen 50-Euro-Münzen bestehen aus 625 Tausendteilen Silber (Ag 625) und wiegen 21 statt 22 Gramm. Die Sammlerqualität Spiegelglanz bleibt dagegen bei den alten, silberreichen Legierungen. Die Anpassung gilt ausdrücklich auch für die „Heiligen Drei Könige“.

Aus der 20-Euro-Schwebebahn wurde so eine 35-Euro-Münze. Sie erschien am 17. September 2026 – rund ein halbes Jahr nach dem eigentlichen Jubiläum. Auf der Münze ist unter anderem Elefantendame Tuffi zu sehen, die 1950 aus der Schwebebahn in die Wupper sprang, dazu die Station Döppersberg. Der Randschriftzug lautet „VOHWINKEL BIS OBERBARMEN BIS“. Aus der 25-Euro-Weihnachtsmünze wird eine 50-Euro-Münze, sie soll am 5. November 2026 erscheinen. Auf der Seite der „Münze Deutschland“ ist sie laut „Tagesspiegel“ allerdings schon jetzt als „Ausverkauft“ markiert.

Und das Geld? Trotz der Zusatzkosten von knapp 1,4 Millionen Euro rechnet das Ministerium von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (48, SPD) weiterhin mit einem „deutlichen Münzgewinn im oberen einstelligen Millionenbereich“. Laut dts und „Tagesspiegel“ liegt das auch daran, dass der Silbergehalt der „Heiligen Drei Könige“ reduziert wurde. Unter dem Strich verliert der Staat also nach Darstellung des Ministeriums kein Geld – er verdient nur weniger als ohne das Einschmelzen. Unabhängig prüfen lässt sich diese Prognose bislang nicht.

Laut „Bild“ begründet das Ministerium den späten Stopp damit, dass der Preisanstieg „erst im vierten Quartal 2025“ massiv eingesetzt habe. Dabei seien „mehrfach historische Höchstwerte erreicht“ worden, und so habe der Materialwert der geplanten Münzen „deutlich über den damaligen Nennwerten“ gelegen. Diese Darstellung passt nur teilweise zu den damaligen Berichten: Schon als der Stopp Mitte Oktober 2025 bekannt wurde, meldete die „Financial Times“ ein Plus von rund 60 Prozent seit Jahresbeginn. Der Preis kletterte also über viele Monate – die Rekordspitzen kamen dann im Herbst.

Hier setzt die Kritik an. Sebastian Schäfer wirft dem Ministerium vor, Steuergeld sei „buchstäblich und fahrlässig geschreddert“ worden. „So darf mit dem Geld der Bürgerinnen und Bürger schlicht und einfach nicht umgegangen werden“, zitieren ihn „Spiegel“, dpa und AFP übereinstimmend. Der Vorwurf der Fahrlässigkeit ist die Bewertung des Oppositionspolitikers. Ob das Ministerium die Silberentwicklung früher hätte erkennen und die Prägung rechtzeitig stoppen können, ist bislang nicht durch eine unabhängige Stelle geprüft – ein Bericht des Bundesrechnungshofs zu dem Vorgang ist nicht bekannt.

Und wer ist verantwortlich? Politisch liegt der Stopp im Haus von Lars Klingbeil, der das Finanzministerium seit dem 6. Mai 2025 führt. Ein Detail gehört aber zur Wahrheit: Den Beschluss zur Schwebebahn-Münze hatte das Ministerium bereits am 30. April 2025 bekannt gegeben – wenige Tage vor dem Regierungswechsel, also noch unter der alten Bundesregierung. Geprägt und gestoppt wurde dann unter Klingbeil. Wer im Ministerium wann welche Entscheidung zur Prägung und zum Einschmelzen getroffen hat, geht aus den veröffentlichten Auszügen des Schreibens nicht hervor.

Was „Bild“ anders darstellt als die Quellen: Die Zeitung schreibt, die Ausgabe beider Münzen sei „ursprünglich für das vergangene Jahr vorgesehen“ gewesen. Das stimmt nur für die „Heiligen Drei Könige“ (geplant 20. November 2025). Die Schwebebahn-Münze sollte laut Bundesfinanzministerium und Berichten von FAZ und dpa erst am 22. Januar 2026 erscheinen. Außerdem verschweigt „Bild“ die ursprünglichen Nennwerte von 20 und 25 Euro und dass die Neuauflagen deutlich weniger Silber enthalten – genau darauf stützt sich die Gewinnprognose des Ministeriums. Wenn „Bild“ schreibt, die Schwebebahn-Münze habe „einen Wert von 35 Euro“, ist der Nennwert gemeint: Die Sammlerversion in Spiegelglanz kostet mehr.

Auch der Begriff „Panne“ ist eine Wertung von „Bild“. Auslöser des Stopps war nach allen vorliegenden Quellen der außergewöhnlich starke Anstieg des Silberpreises, nicht ein technischer Fehler bei der Prägung. Ob der Vorgang dennoch vermeidbar gewesen wäre, ist genau die politische Streitfrage. Die „Bild“-Aussage, es wäre „theoretisch“ sogar lukrativer gewesen, die Münzen einzuschmelzen und das Silber zu verkaufen, ist eine eigene Schlussfolgerung der Zeitung und wird so nicht dem Ministerium zugeschrieben.

Bleibt der Blick auf den Markt: Laut AFP war der Silberpreis 2025 massiv gestiegen, auch der Goldpreis schoss in die Höhe. Anleger flüchteten nach der Rückkehr von US-Präsident Donald Trump ins Weiße Haus und seinen Attacken auf die US-Notenbank verstärkt in Edelmetalle. Zudem ist Silber ein wichtiges Industriemetall, etwa für Halbleiter. Inzwischen hat sich die Preisentwicklung laut AFP wieder abgeschwächt. Für Sammler bedeutet das: Die neuen Stempelglanz-Münzen sind vor allem eines – deutlich teurer und deutlich silberärmer als ursprünglich angekündigt.

Offen sind damit weiter mehrere Fragen: Wie viele Münzen wurden genau vernichtet? Wann genau wurden sie geprägt? Wer hat entschieden, die Prägung trotz steigender Silberpreise fortzusetzen? Und wie hoch fällt der Münzgewinn am Ende tatsächlich aus? Eine Stellungnahme des Ministeriums über die Antwort an Schäfer hinaus ist bislang nicht bekannt.

KOMMENTAR / MEINUNG: Man muss es dem Finanzministerium lassen: Es hat das alte Sprichwort vom Geld, das man nicht drucken kann, kreativ weiterentwickelt. Man kann es nämlich prägen, zerquetschen, einschmelzen und noch einmal prägen. Das nennt man dann wohl Kreislaufwirtschaft im Bundeshaushalt – nur dass der Steuerzahler bei jeder Runde die Stromrechnung des Schmelzofens mitbezahlt.

KOMMENTAR / MEINUNG: Besonders charmant ist die Erklärung, der Silberpreis habe erst im Herbst so richtig angezogen. Wer ein ganzes Jahr lang Schlagzeilen über Rekordpreise bei Edelmetallen überlesen kann, braucht keine Gedenkmünze, sondern eine Lesebrille. Immerhin: Die Heiligen Drei Könige sind es gewohnt, einen langen Umweg zu nehmen, bevor sie ankommen.

KOMMENTAR / MEINUNG: Und am Ende gibt es trotzdem Grund zur Freude, sagt das Ministerium, denn der Gewinn falle ja nur etwas kleiner aus. Nach dieser Logik ist jeder Autounfall eine Sparmaßnahme, solange das Auto vorher teurer war. Die Tuffi auf der Schwebebahn-Münze dürfte sich jedenfalls verstanden fühlen: Auch sie ist einst spektakulär abgestürzt – und wurde trotzdem berühmt.

Was meinen Sie: Ehrliches Pech wegen Rekord-Silberpreis oder vermeidbare Geldvernichtung? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare und teilen Sie diesen Artikel!

Quellen:
BILD, Panne im Finanzministerium (31.10.2026): https://www.bild.de/politik/inland/panne-im-finanzministerium-flop-mit-silbermuenzen-kostet-steuerzahler-fast-1-4-millionen-euro-6ae5e5ef4db6c62483ec347f
Der Spiegel (31.10.2026): https://www.spiegel.de/politik/deutschland/lars-klingbeil-muss-silbermuenzen-fuer-1-4-millionen-euro-einschmelzen-lassen-a-1258f348-0593-4ddb-8852-27ca4b863dce
Tagesspiegel/AFP: https://www.tagesspiegel.de/politik/silber-zu-teuer-geworden-finanzministerium-liess-gedenkmunzen-fur-fast-14-millionen-euro-einschmelzen-16224231.html
Focus/dpa: https://www.focusplus.de/finanzen/bund-muss-sammlermuenzen-neu-praegen-19330
dts via finanznachrichten.de: https://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2026-10/69996402-bmf-musste-fuer-1-4-millionen-euro-silbermuenzen-einschmelzen-lassen-003.htm
Der Spiegel (Oktober 2025): https://www.spiegel.de/wirtschaft/edelmetall-boom-finanzministerium-stoppt-silber-gedenkmuenzen-a-94a875da-970e-4032-9ade-dc89f2be0529
FAZ (21.10.2025): https://www.faz.net/aktuell/finanzen/deutscher-euro-warum-es-diese-gedenkmuenzen-doch-nicht-geben-wird-110742485.html
Die Zeit/dpa (22.11.2025): https://www.zeit.de/news/2025-11/22/silbermuenze-zur-schwebebahn-noch-in-der-schwebe
BMF, Pressemitteilung Schwebebahn-Münze (30.04.2025): https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Briefmarken/2025/2025-04-30-gedenkmuenze-wuppertaler-schwebebahn.html
BMF, Anpassung technischer Parameter: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Service/Sammlermuenzen/2026-02-05-anpassung-technischer-parameter.html
BMF, Anpassung des Silbergehalts: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Briefmarken/2026/2026-03-30-anpassung-silbergehalt-sammlermuenzen.html
BMF, Ausgabetermine 2026: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Service/Sammlermuenzen/2026-03-19-jahresmuenzprogramm-2026-ausgabetermine.html
Deutsche Bundesbank, Schwebebahn-Münze: https://www.bundesbank.de/en/tasks/cash-management/euro-coins/collector-coins/-35-collectors-coin-125-years-of-the-wuppertal-suspension-railway–834740
Deutsche Bundesbank, Heilige Drei Könige: https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/bargeld/euro-muenzen/sammlermuenzen/50-euro-sammlermuenze-heilige-drei-koenige–599188
Domradio: https://www.domradio.de/artikel/warum-die-weihnachtsmuenze-heilige-drei-koenige-nicht-erscheint
Wuppertaler Rundschau: https://www.wuppertaler-rundschau.de/lokales/schwebebahn-gedenkmuenze-auf-silber-sparkurs_aid-146314345
Deutscher Bundestag, Biografie Sebastian Schäfer: https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/S/schaefer_sebastian-1046998

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