Berlin – Was war denn da beim öffentlich-rechtlichen Wissenschaftsformat „Quarks“ los? Ein kurzer Kommentar unter einem Beitrag über die politische Entwicklung der Gesellschaft sorgt plötzlich für mächtig Wirbel. Ausgangspunkt war ein Reel mit der Frage „Rückt die Gesellschaft nach rechts?“. Darunter meldete sich ein Nutzer zu Wort und schrieb sinngemäß keineswegs etwas über Nationalsozialismus oder eine Diktatur, sondern verwies darauf, dass Rechts und Links seit rund 250 Jahren zu den Grundpfeilern demokratischer politischer Auseinandersetzungen gehörten. Doch die Antwort des von der ARD ausgestrahlten und vom WDR verantworteten Formats ließ zahlreiche Leser verblüfft zurück: „Adolf Hitler war kein Demokrat!“ Nur: Genau das hatte der Nutzer überhaupt nicht behauptet. Prompt entbrannte in den Kommentarspalten eine Debatte darüber, ob beim öffentlich-rechtlichen Format der politische Begriff „rechts“ vorschnell mit Rechtsextremismus oder sogar dem Nationalsozialismus verbunden worden sei. Mehrere Nutzer warfen „Quarks“ vor, eine grundlegende politische Unterscheidung zu verwischen. Denn rechts der politischen Mitte zu stehen, bedeutet historisch und demokratisch eben nicht automatisch, rechtsextrem oder nationalsozialistisch zu sein. Gerade die Geschichte der Bundesrepublik liefert dafür prominente Beispiele: CDU und CSU haben Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als demokratische Parteien rechts der Mitte entscheidend mitgeprägt und zahlreiche Bundesregierungen gestellt. Auch schon in der Weimarer Republik existierten Parteien auf dem rechten beziehungsweise konservativen Flügel des demokratischen Parteienspektrums. Dazu gehörten etwa die Bayerische Volkspartei, kurz BVP, sowie die Deutsche Volkspartei, kurz DVP. Beide standen politisch rechts beziehungsweise konservativ, waren jedoch Teil des damaligen parlamentarischen Systems. Erst nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden die politischen Parteien unter dem Druck der neuen Diktatur zur Auflösung gezwungen beziehungsweise ausgeschaltet.
Genau an diesem historischen Punkt wird der Unterschied besonders entscheidend: Adolf Hitler war eben gerade kein Vertreter einer demokratisch-konservativen oder parlamentarisch-rechten Politik, sondern errichtete nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine totalitäre Diktatur. Unter seiner Herrschaft wurden demokratische Institutionen zerstört, politische Gegner verfolgt und entrechtet, Deutschland entfesselte den Zweiten Weltkrieg und das nationalsozialistische Regime war verantwortlich für den millionenfachen Mord an den europäischen Juden sowie für zahllose weitere Verbrechen. Deshalb ist eine saubere begriffliche Trennung zwischen demokratischen Positionen rechts der politischen Mitte und rechtsextremen beziehungsweise nationalsozialistischen Ideologien von zentraler Bedeutung. Genau diese Differenzierung vermissten offenbar zahlreiche Leser in der knappen Reaktion von „Quarks“. Denn wer auf die lange Geschichte der politischen Begriffe Rechts und Links verweist, behauptet damit weder, dass Hitler Demokrat gewesen sei, noch setzt er demokratische rechte Positionen mit dem Nationalsozialismus gleich. Umso größer war das Unverständnis über die Reaktion des Formats. Die Frage, die sich viele Nutzer stellten: Warum antwortete ein Wissenschaftsformat auf einen allgemeinen Hinweis zur politischen Links-Rechts-Einteilung ausgerechnet mit Hitler? Kritiker sehen darin ein Beispiel dafür, wie politische Begriffe in aufgeheizten Debatten zunehmend miteinander vermischt würden. Dabei reicht die Unterscheidung zwischen politischen Strömungen weit zurück. Das bekannte Rechts-Links-Schema entstand historisch im Umfeld der Französischen Revolution und entwickelte sich über Generationen weiter. Innerhalb dieses Spektrums existierten und existieren demokratische, liberale, konservative, sozialdemokratische, sozialistische und zahlreiche weitere politische Richtungen. Extremistische Ideologien bilden dagegen eine andere Kategorie. Wer diese Unterschiede verwischt, riskiert nach Ansicht der Kritiker nicht nur unnötige Missverständnisse, sondern erschwert auch eine sachliche politische Diskussion.
Jetzt reagiert der WDR – allerdings mit einer Erklärung, die die Debatte offenbar nicht vollständig beendet. Auf Anfrage von BILD räumte die öffentlich-rechtliche Anstalt ein, dass der Kommentar von „Quarks“ „verkürzt formuliert und dadurch missverständlich“ gewesen sei. Gleichzeitig distanzierte sich der Sender jedoch nicht vollständig von der Motivation hinter der Antwort. Nach Darstellung des WDR habe das Format die „historische Einordnung der Aussage des Users“ hinterfragen wollen. Allerdings habe man selbst erkannt, dass dieser Zusammenhang aus dem veröffentlichten Kommentar nicht deutlich geworden sei. Genau das lässt bei Kritikern weiterhin Fragen offen: Welche historische Einordnung sollte bei der Aussage des Nutzers konkret korrigiert werden? Der ursprüngliche Kommentar hatte schließlich lediglich darauf verwiesen, dass politische Positionen rechts und links seit langer Zeit Bestandteil demokratischer Systeme sind. Eine Behauptung, Hitler sei Demokrat gewesen, enthielt die Aussage nicht. Trotzdem landete die Diskussion bei Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus. Nach der Anfrage von BILD reagierte „Quarks“ schließlich noch einmal und ergänzte seine Aussage in den Kommentarspalten um einen entsprechenden Hinweis. Gelöscht wurde der ursprüngliche Kommentar allerdings nicht – er ist weiterhin online. Damit bleibt ein bemerkenswerter Vorgang zurück: Aus einer kurzen Debatte über die politische Verschiebung der Gesellschaft wurde binnen weniger Zeilen eine Grundsatzdiskussion über Rechts, Rechtsextremismus, Demokratie und Nationalsozialismus. Und ausgerechnet ein öffentlich-rechtliches Wissenschaftsformat muss sich nun erklären, warum seine eigene Formulierung offenbar mehr Verwirrung geschaffen hat, als sie historische Zusammenhänge erklären konnte.
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