
Herzogenaurach – Der nächste Kahlschlag in der deutschen Autozuliefer-Industrie: Schaeffler will in Europa netto 3.460 Stellen abbauen, davon rund 2.660 in Deutschland. Das teilte der Konzern am Dienstag, 3. November 2026, mit. Vier deutsche Standorte sollen perspektivisch geschlossen oder aufgegeben werden: Dortmund, Morbach, Berlin und Schwalbach. Dazu kommt ein Werk in Belgien. BILD berichtet über den „Job-Schock“ – bringt aber eine zentrale Zahl durcheinander: Die 3.460 Stellen fallen nicht „weltweit“ weg, sondern in Europa. Pressecop24 hat die Angaben mit der Pressemitteilung des Unternehmens abgeglichen.
Die Ankündigung kam früh am Morgen. Um 7:55 Uhr veröffentlichte Schaeffler die Mitteilung „Schaeffler kündigt weiteres Ergebnisverbesserungsprogramm an“. Ganz überraschend war sie nicht: Das Handelsblatt hatte zuvor aus Unternehmenskreisen von den Plänen berichtet, wie die Zeitung selbst schreibt. Schaeffler bestätigte die Informationen nun offiziell.
Die Eckdaten laut Schaeffler: Netto sollen 3.460 Stellen in der Region Europa wegfallen. Rund 2.660 entfallen auf Deutschland, rund 800 auf das übrige Europa. Rund die Hälfte des Abbaus betrifft die Produktion, 30 Prozent Forschung und Entwicklung und 20 Prozent weitere Funktionsbereiche. Insgesamt sind 16 Standorte in Europa betroffen. Fünf Standorte sollen perspektivisch geschlossen werden, davon vier in Deutschland.
Die betroffenen Standorte im Einzelnen: Das Werk in Dortmund mit aktuell 430 Beschäftigten und der Standort Morbach in Rheinland-Pfalz mit 160 Mitarbeitern sollen geschlossen werden. Beide gehören zur Sparte Powertrain & Chassis und stellen Produkte für Verbrennungsmotoren her. Beim Dortmunder Werk in Dorstfeld handelt es sich laut den Ruhr Nachrichten um einen Standort des früheren Antriebsspezialisten Vitesco, den Schaeffler übernommen hat. Der dortige Betriebsrat habe lange vor genau diesem Szenario gewarnt, schreibt die Zeitung.
In Berlin sollen laut Schaeffler die Aktivitäten am Standort mit etwa 270 Beschäftigten eingestellt werden. Und der Standort Schwalbach soll aufgegeben werden. Hier liegt ein wichtiges Detail, das bei BILD fehlt: Ein Großteil der rund 385 Beschäftigten in Schwalbach soll an den Schaeffler-Standort in Frankfurt wechseln. Vom Abbau betroffen sind dort laut Unternehmen insgesamt rund 190 Stellen. Eine „Schließung“ bedeutet in Schwalbach also nicht, dass alle Jobs verloren gehen.
Außerhalb Deutschlands wird laut Schaeffler der Produktionsstandort Herstal in Belgien mit etwa 15 Mitarbeitern geschlossen. In Frankreich sollen die Kapazitäten an den Standorten Haguenau und Toulouse, in der Slowakei in Skalica und Kysuce angepasst werden. Auch diesen fünften Standort lässt BILD unerwähnt.
Darüber hinaus will Schaeffler laut Mitteilung die Aktivitäten im Werkzeugbau am Standort Höchstadt einstellen und im Sondermaschinenbau in Erlangen und Schweinfurt Anpassungen vornehmen. Weitere Kapazitäts- und Strukturanpassungen sind an anderen deutschen Standorten geplant, darunter Herzogenaurach, Bühl, Höchstadt, Nürnberg und Regensburg. Detaillierte Informationen sollen auf lokalen Mitarbeiterversammlungen vorgestellt werden.
Wie groß ist der Einschnitt? Schaeffler rechnet es selbst vor: Bezogen auf die Stammbelegschaft in Deutschland, die zum 30. September 2026 aus 31.957 Mitarbeitern bestand, werden rund acht Prozent der Stellen bis 2028 abgebaut. Rechnet man die Altprogramme und die bereits unterzeichneten rund 1.800 Altersteilzeitverträge hinzu, steigt der Anteil laut Unternehmen auf rund 18 Prozent. Weltweit beschäftigt Schaeffler nach eigenen Angaben rund 110.000 Menschen an mehr als 250 Standorten.
Und der Zeitplan? Die Umsetzung der strukturellen Maßnahmen ist laut Schaeffler überwiegend für die Jahre 2027 und 2028 vorgesehen. Die Einsparungen sollen ab 2030 bei rund 300 Millionen Euro pro Jahr liegen. Den Einmalaufwand beziffert der Konzern auf rund 480 Millionen Euro. Der überwiegende Teil soll bereits im Jahr 2026 als Restrukturierungsrückstellung verbucht werden. Die Umsetzung soll laut Schaeffler sozialverträglich im Dialog mit den Arbeitnehmervertretungen erfolgen, Grundlage sei eine Zukunftsvereinbarung aus dem Jahr 2018.
Schaeffler begründet den Schritt mit der Lage im Autogeschäft: rückläufige Märkte, stärkerer Wettbewerb, eine schwächere Nachfrage im Verbrennergeschäft und ein verzögerter Hochlauf der Elektromobilität. Hinzu kämen „überdurchschnittlich hohe Personalkosten pro Kopf in Deutschland“ und eine zu komplexe Organisation „mit zu vielen Führungsebenen und zu geringen Führungsspannen“. Das Programm bezieht sich laut Schaeffler im Wesentlichen auf das Erstausrüstungsgeschäft mit Autoherstellern.
Ein neues Element ist der sogenannte Solidaritätsbeitrag. Er soll unter anderem einen temporären, freiwilligen Gehaltsverzicht umfassen – „beginnend mit dem Vorstand über alle Hierarchieebenen hinweg“. BILD schreibt lediglich, die Mitarbeiter sollten freiwillig auf einen Teil ihres Gehalts verzichten. Dass auch der Vorstand verzichten soll, dass der Verzicht zeitlich begrenzt ist und dass die Details noch ausgearbeitet und mit den Gremien abgestimmt werden müssen, steht dort nicht. Laut Schaeffler soll der Beitrag die Jahre 2027 und 2028 entlasten. Ohne ihn wäre der Stellenabbau „nochmals größer ausgefallen“, heißt es in der Mitteilung.
Konzernchef Klaus Rosenfeld sagte laut Mitteilung: „Mit dem heute bekanntgegebenen Ergebnisverbesserungsprogramm wollen wir zeigen, dass es trotz der schwierigen Rahmenbedingungen möglich und sinnvoll ist, in Deutschland und Europa langfristig wettbewerbsfähig und kosteneffizient zu entwickeln und zu produzieren.“ Das wichtigste Element sei der Solidaritätsbeitrag. Personalvorständin Astrid Fontaine betonte, man wolle die Maßnahmen „im engen Dialog mit den Arbeitnehmervertretungen sozialverträglich umsetzen“.
Die Gewerkschaft sieht das ganz anders. Die IG Metall und der Konzernbetriebsrat kritisierten das neue Sparprogramm laut dpa scharf. Thomas Höhn, Unternehmensbeauftragter der IG Metall für Schaeffler, wird mit den Worten zitiert, bei Schaeffler folge inzwischen „ein Abbauprogramm auf das nächste, noch bevor die Folgen des vorherigen bewältigt sind“. Und: „Das ist kein Zukunftskonzept für den Industriestandort Deutschland.“ Eine eigene Stellungnahme zum neuen Programm war auf der Website der IG Metall bei Schaeffler am Dienstagmorgen noch nicht veröffentlicht.
Brisant ist der zeitliche Ablauf. Erst am 12. Oktober 2026 – also rund drei Wochen zuvor – hatte Schaeffler gemeldet, die im November 2024 angekündigten Strukturmaßnahmen „früher als erwartet abgeschlossen“ zu haben. Damals waren laut Unternehmen ein Bruttoabbau von rund 4.700 Stellen in Europa angekündigt worden, davon rund 2.800 in Deutschland. Durch Verlagerungen sollte der Nettoabbau bei rund 3.700 Stellen liegen. Die Zielgröße sollte ursprünglich bis Ende 2029 erreicht werden.
Was „abgeschlossen“ dabei heißt, verdient einen genaueren Blick. Laut der Oktober-Mitteilung waren bis zum 30. September 2026 erst 3.715 der 4.700 Stellen abgebaut, also rund 79 Prozent. Für die übrigen 985 Stellen lägen vertragliche Vereinbarungen vor. Erreicht werden soll die Zielgröße nach aktueller Planung Ende 2028, ein Jahr früher als geplant. Zusätzlich schloss Schaeffler bis zum 5. Oktober 2026 noch 1.768 neue Altersteilzeitverträge ab – vor dem Hintergrund der erwarteten Abschaffung bestehender Altersteilzeit-Instrumente im Zuge der Rentenreform. BILD gibt die 4.700 Stellen ohne den Hinweis wieder, dass es sich um eine Bruttozahl handelt.
Damit summieren sich die Programme. Zu den 4.700 Stellen aus dem Jahr 2024 kommen die rund 1.800 Altersteilzeitverträge und nun 3.460 weitere Stellen. Laut dpa hatte Schaeffler bereits 2024 und 2025 die Streichung mehrerer tausend Arbeitsplätze beschlossen. Laut Handelsblatt musste der Konzern zudem erst im Juni seine Mittelfristziele für 2028 zusammenstreichen.
Gleichzeitig setzt Schaeffler auf neue Geschäftsfelder. Produktionsvorstand Jochen Schröder nennt in der Mitteilung „vielversprechende Wachstumschancen in Zukunftsfeldern, vor allem in den Bereichen Humanoide Robotik und Verteidigung“. Zumindest ein Teil der wegfallenden Stellen solle durch den Aufbau neuer Jobs in diesen Feldern kompensiert werden. Wie viele das sein könnten, sagt der Konzern nicht. Das Handelsblatt merkt in einer Bildunterschrift an, die neue Robotik-Sparte könne Verluste in anderen Bereichen nicht ausgleichen.
Für die Beschäftigten in Dortmund, Morbach, Berlin und Schwalbach beginnt nun eine Zeit der Unsicherheit. Wann genau die Standorte schließen, ob es betriebsbedingte Kündigungen gibt und wie Sozialpläne aussehen, hat Schaeffler noch nicht mitgeteilt. Das Unternehmen verweist auf die lokalen Mitarbeiterversammlungen und die Gespräche mit den Betriebsräten.
KOMMENTAR / MEINUNG: Drei Wochen nach der Erfolgsmeldung, das alte Sparprogramm sei früher als erwartet geschafft, kommt das nächste. Bei Schaeffler scheint das Abbauen inzwischen der eigentliche Wachstumsbereich zu sein. Die Belegschaft kann sich wenigstens auf eines verlassen: Die nächste Pressemitteilung kommt bestimmt.
KOMMENTAR / MEINUNG: Besonders schön ist der freiwillige Solidaritätsbeitrag. Freiwillig, aber mit dem freundlichen Hinweis, dass ohne ihn noch mehr Stellen verschwunden wären. Das ist ungefähr so freiwillig wie die Spende, um die der Türsteher bittet, bevor er einen hereinlässt.
KOMMENTAR / MEINUNG: Humanoide Roboter und Rüstung sollen die Zukunft sein, während die Menschen, die bisher Teile für Verbrennungsmotoren gebaut haben, gehen müssen. Das hat eine gewisse Ironie: Erst baut man Maschinen, die wie Menschen aussehen, dann ersetzt man die Menschen. Für den Industriestandort Deutschland ist das kein gutes Zeichen.
Was meinen Sie: Wie viele Hiobsbotschaften verträgt die deutsche Autoindustrie noch? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare und teilen Sie diesen Artikel!
Quellen:
Schaeffler AG: Schaeffler kündigt weiteres Ergebnisverbesserungsprogramm an (03.11.2026): https://www.eqs-news.com/de/news/corporate/schaeffler-kuendigt-weiteres-ergebnisverbesserungsprogramm-an/acde8d54-15e1-4b3e-bcd9-b78c1cef0173_de
Schaeffler AG: Ergebnisverbesserungsprogramm mit rund 1.800 zusätzlichen Altersteilzeitverträgen abgeschlossen (12.10.2026): https://www.schaeffler.com/de/medien/pressemitteilungen/pressemitteilung-details.jsp?id=88221952
dpa via Handelsblatt: Schaeffler streicht Tausende Jobs und schließt Werke: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/krise-der-autoindustrie-schaeffler-streicht-tausende-jobs-und-schliesst-werke/100266863.html
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