Das ist eine Wahlkampf-Debatte, die der SPD in Sachsen-Anhalt wenige Wochen vor der Landtagswahl überhaupt nicht gelegen kommen dürfte! Mit großem politischen Pathos wollen die Sozialdemokraten unter ihrem Spitzenkandidaten Armin Willingmann eine mögliche AfD-geführte Landesregierung verhindern und haben dafür eine Kampagne unter dem Motto „Wir sind der Deich“ gestartet. Doch genau diese Formulierung sorgt jetzt für erheblichen Wirbel: Wie BILD berichtet, findet sich die Zeile wortgleich in einem Lied aus der Zeit des Nationalsozialismus. Der Titel des historischen Liedes lautet „Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen“. Es wurde in der Zeit des NS-Regimes als Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes geführt. Geschrieben wurden Text und Melodie nach historischen Quellen von Wilhelm beziehungsweise Will Decker, einem hochrangigen Funktionär des Reichsarbeitsdienstes. Das Lied stammt aus dem Jahr neunzehnhundertsechsunddreißig. In historischen Liedsammlungen wird es ausdrücklich als Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes aufgeführt. In der ersten Strophe wird das damalige „Reich“ mit einem „Deich“ in Verbindung gebracht; eine weitere Strophe bekennt sich ausdrücklich zur Gefolgschaft gegenüber Adolf Hitler. Damit ist der historische Hintergrund des Liedes eindeutig nationalsozialistisch geprägt. BILD berichtet außerdem, Decker habe später das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP erhalten. Nach Angaben der Zeitung hatte zunächst das Portal Nius auf die Übereinstimmung aufmerksam gemacht. Für die SPD ist die Sache besonders brisant, weil ihre aktuelle Kampagne genau das Gegenteil ausdrücken soll: Der „Deich“ soll nach Darstellung der Sozialdemokraten für den Schutz der Demokratie und für einen gemeinsamen Widerstand gegen einen politischen Rechtsruck stehen. Auf Wahlkampfmaterialien wird die Metapher zusätzlich mit einer „blauen Welle“ verbunden, womit offensichtlich der starke Umfragewert der AfD gemeint ist. Willingmann hatte bei der Vorstellung der Kampagne in Magdeburg erklärt, Sachsen-Anhalt solle politisch nicht „blau überflutet“ werden. Der SPD-Spitzenkandidat stellte den Deich als Bild für eine breite demokratische Mitte dar, die eine von der AfD geführte Regierung verhindern solle. Ausgerechnet dieser symbolträchtige Begriff besitzt nun aber eine historische Vorgeschichte, die der Partei eine äußerst unangenehme Diskussion beschert.
Dabei befindet sich die SPD in Sachsen-Anhalt ohnehin in einer politisch äußerst angespannten Lage. Die Landtagswahl findet am sechsten September statt, und wenige Wochen zuvor liegt die AfD in aktuellen Umfragen deutlich vor der CDU. Die Sozialdemokraten kämpfen gleichzeitig darum, überhaupt sicher im nächsten Landtag vertreten zu sein. Auch Grüne, FDP und BSW bewegen sich nach den zuletzt veröffentlichten Umfragen in einem Bereich, in dem das Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde keineswegs selbstverständlich ist. Genau deshalb hatte die SPD ihren Wahlkampf zuletzt deutlich emotionaler ausgerichtet. Willingmann erklärte, die Menschen in Sachsen-Anhalt könnten mit dem Bild eines Deiches mehr anfangen als mit der abstrakten politischen Diskussion um eine sogenannte Brandmauer. Ein Deich sei für die Menschen im Land etwas Konkretes: Wenn er breche, seien alle betroffen. Die SPD verbindet diese Metapher mit ihrer Warnung vor einer möglichen AfD-Regierung und verweist dabei unter anderem auf mögliche Folgen für Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur sowie Menschen mit Behinderungen. Willingmann bezeichnete das AfD-Wahlprogramm als einen außerordentlich radikalen politischen Umbau eines Bundeslandes. Die Kampagne soll deshalb nicht nur den Verstand, sondern ausdrücklich auch die Gefühle der Wähler ansprechen. Doch ausgerechnet in diesem emotional aufgeladenen Wahlkampf fällt der Partei jetzt die historische Verwendung ihres zentralen Slogans auf die Füße. Entscheidend ist dabei allerdings die Einordnung: Aus der historischen Verwendung der Wörter folgt selbstverständlich nicht automatisch, dass die heutige SPD mit der Ideologie des damaligen Liedes sympathisiert oder bewusst auf nationalsozialistische Propaganda zurückgegriffen hätte. Dafür gibt es nach den bislang veröffentlichten Informationen keinerlei Beleg. Der politische Sprengstoff liegt vielmehr darin, dass eine Partei, die ihren Wahlkampf ausdrücklich als Abwehr gegen Rechtsextremismus präsentiert, einen Slogan gewählt hat, der sich wortgleich in einem eindeutig nationalsozialistischen Pflichtlied findet. Gerade bei einer professionell geplanten Kampagne wirft das die Frage auf, wie intensiv Begriffe und Parolen zuvor historisch überprüft wurden. Die Ironie könnte größer kaum sein: Die SPD will mit dem „Deich“ ausgerechnet eine Schutzlinie gegen rechts symbolisieren – und muss sich nun erklären, weil exakt diese Wörter schon in einem Propagandalied des NS-Staates vorkamen.
Die SPD weist deshalb jeden behaupteten inhaltlichen Zusammenhang mit dem NS-Lied entschieden zurück. René Wölfer, Sprecher des SPD-Spitzenkandidaten Armin Willingmann, erklärte gegenüber BILD, die Formulierung werde seit Jahrzehnten völlig unabhängig von ihrem historischen Auftauchen in dem Lied verwendet. Als Beispiel verweist die Partei auf die Oderflut Ende der neunziger Jahre, bei der der Deich als Sinnbild für Zusammenhalt und gemeinsames Handeln gestanden habe. Außerdem habe auch die Initiative „Omas gegen Rechts“ die Formulierung „Wir sind der Deich“ verwendet. Die politische Botschaft der SPD sei daher nach eigener Darstellung eindeutig: Es gehe um Zusammenhalt, Verantwortung und den gemeinsamen Schutz der Demokratie. Einen bewussten oder inhaltlichen Bezug zum Lied des Reichsarbeitsdienstes bestreitet die Partei. Und tatsächlich ist das Wort „Deich“ natürlich kein nationalsozialistischer Begriff und die Formulierung kann in vollkommen anderen Zusammenhängen verwendet werden. Dennoch bleibt die Wahlkampf-Panne kommunikativ heikel, denn die identische Wortfolge lässt sich historisch zweifelsfrei nachweisen. Eine erhaltene Ausgabe mit Pflichtliedern führt „Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen“ ausdrücklich auf und nennt Will Decker sowie das Entstehungsjahr. Auch wissenschaftliche Literatur über Sprache und kommunikative Praktiken im Nationalsozialismus ordnet das Lied dem Reichsarbeitsdienst zu und dokumentiert dessen eindeutig regimebezogenen Inhalt. Damit lässt sich die historische Verbindung nicht einfach wegdiskutieren – wohl aber die Frage, welche Bedeutung sie für die heutige Kampagne tatsächlich besitzt. Für die politische Auseinandersetzung in Sachsen-Anhalt liefert der Fall jedenfalls neuen Zündstoff. Statt ausschließlich über steigende AfD-Werte, eine mögliche künftige Regierungsbildung und das Überleben der kleineren Parteien im Landtag zu sprechen, muss die SPD nun ihren eigenen zentralen Wahlkampfslogan erklären. Für Armin Willingmann kommt die Debatte zur denkbar ungünstigen Zeit: Der Wahlkampf befindet sich in seiner entscheidenden Schlussphase, jede Schlagzeile zählt und jede Ablenkung von der eigenen Botschaft kann Stimmen kosten. Ob die Affäre am Ende tatsächlich Einfluss auf die Wahlentscheidung haben wird, ist völlig offen. Sicher ist jedoch: Eine Kampagne, die als kraftvolles Symbol gegen einen Rechtsruck gedacht war, hat der SPD plötzlich eine historische Diskussion eingebrockt, mit der ihre Wahlkampfstrategen vermutlich niemals gerechnet hatten.
