Cagliari (Sardinien) – Ein sonniger Urlaubstag, eine traumhafte Bucht, Jugendliche im Wasser – und plötzlich wird aus dem Badeparadies eine Horror-Szene! Mitte August ereignete sich am beliebten Strand von Chia im Süden Sardiniens ein dramatischer Zwischenfall: Ein Boot mit 14 Algeriern an Bord raste nach den vorliegenden Angaben in Ufernähe auf eine Gruppe Badender zu und erfasste dabei eine erst 17 Jahre alte Schwimmerin. Angetrieben wurde das Boot von einem 85-PS-Außenbordmotor. Für das Mädchen hatte die Kollision schwere Folgen: Sie erlitt mehrfache Knochenbrüche, verlor aufgrund des Schocks das Bewusstsein und drohte im Wasser unterzugehen. Dass die Jugendliche überlebte, soll vor allem dem blitzschnellen Eingreifen eines 16 Jahre alten Freundes zu verdanken sein. Dieser konnte dem herannahenden Boot nach den Berichten selbst gerade noch ausweichen und hielt anschließend die bewusstlose Schwerverletzte über Wasser. Badegäste eilten zur Hilfe, zogen die Jugendliche schließlich an Land und alarmierten die Rettungskräfte. Wegen der Schwere ihrer Verletzungen wurde ein Rettungshubschrauber eingesetzt, der die junge Frau in eine Klinik brachte. Dort galt zunächst „Codice Rosso“ – Roter Code, also die höchste Notfallstufe des italienischen Rettungssystems. Erst später konnten die Ärzte Entwarnung geben. Besonders brisant: Inzwischen ist ein Video des Vorfalls aufgetaucht. Die Aufnahmen sollen zeigen, wie das Boot mit hoher Geschwindigkeit auf eine rote Boje zusteuert, unmittelbar neben der sich die Jugendlichen befanden. Nach dem Zusammenstoß soll der Steuermann beigedreht haben. Auf den Bildern seien Hände zu erkennen gewesen, die aus dem Wasser ragten. Damit steht nach Darstellung der Ermittler die Frage im Raum, wie der Fahrer später behaupten konnte, von dem Zusammenprall nichts bemerkt zu haben. Aus einem friedlichen Urlaubstag wurde damit innerhalb weniger Sekunden ein lebensgefährliches Drama, das inzwischen weit über Sardinien hinaus für Aufsehen sorgt.
Doch statt nach dem folgenschweren Zusammenstoß anzuhalten und der verletzten Jugendlichen zu helfen, soll der Bootsführer nach Erkenntnissen der Polizei weitergefahren sein. Der 28 Jahre alte mutmaßliche Schleusersteuerte nach Polizeiangaben einen Strand einige Buchten entfernt an. Dort verließen die insgesamt 14 Algerier das Boot und versuchten, sich ins Landesinnere durchzuschlagen. Die Flucht dauerte allerdings nicht lange. Einsatzkräfte beobachteten die Gruppe aus der Luft mithilfe von Kameras der italienischen Küstenwache und verfolgten ihre Bewegungen. Kurz darauf griff die Polizei zu und nahm sämtliche Bootsinsassen fest. Nach Angaben der Ermittler hatten die Männer keine Papiere bei sich. Auch die 13 Landsleute des mutmaßlichen Bootsführers – laut Bericht alles junge Männer – wurden festgenommen. Besonders schwer wiegen die Vorwürfe gegen den Steuermann selbst: Er soll versucht haben, den Ermittlern glaubhaft zu machen, dass er von der Kollision mit der Schwimmerin überhaupt nichts mitbekommen habe. Die Behörden überzeugte diese Darstellung offenbar nicht. Der 28-Jährige kam ins Gefängnis. Gegen ihn stehen nach den vorliegenden Angaben unter anderem die Vorwürfe der Beihilfe zur illegalen Einwanderung sowie der schwersten Körperverletzung im Raum. Der Fall wirft damit gleich mehrere Fragen auf: Wie konnte ein stark motorisiertes Boot mit hoher Geschwindigkeit in einen Bereich gelangen, in dem Menschen schwammen? Warum wurde nach dem Zusammenstoß nicht sofort Hilfe geleistet? Und warum steuerte der Bootsführer nach Darstellung der Ermittler stattdessen einen anderen Strand an? Während die verletzte Jugendliche im Krankenhaus behandelt werden musste, lief wenige Buchten entfernt bereits eine groß angelegte Fahndung nach den Bootsinsassen. Dass die Küstenwache die Gruppe aus der Luft verfolgen konnte, führte schließlich dazu, dass nach Polizeiangaben alle 14 Personen gestellt wurden. Für die Behörden dürfte nun insbesondere die Auswertung der Videoaufnahmen entscheidend sein, weil sie den Ablauf unmittelbar vor und nach der Kollision dokumentieren könnten.
Der dramatische Zwischenfall fällt in eine Zeit, in der Sardinien erneut mit Bootsankünften aus Nordafrika konfrontiert ist. Nach offiziellen Angaben registrierten die Behörden auf der italienischen Mittelmeerinsel allein in diesem Jahr bereits 1366 Bootsflüchtlinge aus Algerien. Viele von ihnen erreichen vor allem während der Sommermonate die südliche Küste Sardiniens. Der Kontrast auf der Ferieninsel könnte kaum größer sein: Während im Süden Migrantenboote anlanden, kreuzen im Norden vor der berühmten Costa Smeralda die Luxusyachten wohlhabender Urlauber. Auch Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni, 49, verbrachte in diesem Jahr gemeinsam mit ihrer Tochter einen Kurzurlaub im Norden Sardiniens. Meloni führt die rechtsnational-konservative Partei Fratelli d’Italia und hat die Begrenzung irregulärer Migration zu einem zentralen politischen Thema ihrer Regierung gemacht. Insgesamt ist die Zahl der über das Mittelmeer nach Italien kommenden Migranten laut offizieller Statistik zuletzt allerdings deutlich zurückgegangen. Bis zum Zeitpunkt der genannten Erhebung erreichten in diesem Jahr 18.003 Migranten über die Mittelmeerroute Italien. Das entspricht einem Rückgang von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der weitaus größte Teil der Menschen gelangt weiterhin über die Route von Libyen nach Italien. Zuletzt kamen besonders viele Migranten aus Bangladesch, Somalia und dem Sudan. Der Fall von Chia rückt nun jedoch weniger die Gesamtstatistik als vielmehr die Gefahren einer einzelnen Bootsankunft in den Mittelpunkt: Eine 17-Jährige, die lediglich im Meer baden wollte, wurde schwer verletzt, ein 16-Jähriger wurde zum Lebensretter, ein Boot mit 14 Menschen an Bord wurde zum Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen – und ein 28-jähriger Steuermannsitzt nach seiner Festnahme im Gefängnis. Was als idyllischer Badetag an einer der schönsten Küsten Sardiniens begann, endete mit Rettungshubschrauber, Polizeieinsatz, Festnahmen und Ermittlungen wegen schwerster Vorwürfe.
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