VOR TREFFEN MIT MERZ: CDU-KREISCHEFS KLAGEN ÜBER VERTRAUENSVERLUST

Symbolfoto: Leerer Konferenzsaal mit Stuhlreihen und einem Rednerpult ohne Logo, auf den Tischen Namensschilder ohne Schrift und eine Wahlurne, darüber in weißer Schrift auf blauem Feld die Schlagzeile „Vor Treffen mit Merz: CDU-Kreischefs klagen über Vertrauensverlust“
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Berlin – Kurz vor einem seltenen Treffen der CDU-Kreisvorsitzenden mit Parteichef und Bundeskanzler Friedrich Merz wird an der Basis offene Kritik laut. „Ich habe nur sehr wenig Vertrauen inzwischen in das Berliner Führungspersonal“, sagt der CDU-Kreischef im Weimarer Land, Hannes Raebel. BILD macht daraus: „CDU-Basis wütet gegen Merz“. Wir haben nachgeprüft, worauf das beruht. Ergebnis: Hinter dem Artikel steht keine Umfrage und keine Mitgliederbefragung, sondern eine Handvoll Aussagen von Kreisvorsitzenden aus Thüringen und Brandenburg, die zuerst die Deutsche Presse-Agentur gesammelt hat. Kritisch sind sie – aber von Wüten kann keine Rede sein.

Zum Anlass: Am Montag und Dienstag treffen sich die Vorsitzenden der CDU-Kreisverbände im Konrad-Adenauer-Haus und im Bundestag in Berlin. Eine solche Kreisvorsitzendenkonferenz hat es laut stern seit vielen Jahren nicht gegeben. Eröffnet wird sie am Montagnachmittag von CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann, am späten Nachmittag soll Merz sprechen, danach ist laut stern eine mehr als einstündige Aussprache geplant. Laut CDU werden 164 der 325 Kreisvorsitzenden erwartet, also rund die Hälfte. Die dpa nennt in einem Bericht aus Niedersachsen bundesweit 324 Kreisverbände. BILD schreibt von „über 100 Lokalpolitikern“. Das ist nicht falsch, aber deutlich weniger konkret als die Zahl, die die Partei selbst nennt.

Hoppermann sagte dem stern: „Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage der CDU wollen wir auf dieser Konferenz gemeinsam darüber sprechen, wie wir wieder erfolgreich vorankommen und christdemokratische Antworten auf die drängenden Herausforderungen unserer Zeit erarbeiten.“ Im kommenden Jahr sollen laut Hoppermann regionale Mitgliederkonferenzen folgen. „Wir wollen ganz bewusst jede Stimme und jede Perspektive unserer Basis einbinden.“

Worauf beruht nun der BILD-Bericht? Eine Umfrage unter CDU-Mitgliedern mit Institut, Fallzahl, Fragetext und Befragungszeitraum gibt es nicht. Auch eine offizielle Mitgliederbefragung der Partei wird im Text nicht genannt, und wir haben keine gefunden. Die Zitate stammen aus zwei dpa-Berichten: einem aus Erfurt vom Samstag, für den die dpa Thüringer Kreisvorsitzende befragt hat, und einem aus Brandenburg vom Sonntag. Nahezu alle Zitate im BILD-Text finden sich dort fast wortgleich wieder. BILD nennt die dpa als Quelle nicht. Gesprochen haben insgesamt fünf Kreisvorsitzende – bei rund 325 Kreisverbänden bundesweit. Die Stimmung „der“ CDU-Basis lässt sich daraus nicht ablesen, wohl aber die Stimmung in einigen ostdeutschen Kreisverbänden.

Die deutlichste Kritik kommt von Hannes Raebel, Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Weimarer Land. Der dpa sagte er: „Ich habe nur sehr wenig Vertrauen inzwischen in das Berliner Führungspersonal.“ Er stelle stark in Frage, ob die CDU mit ihrem Spitzenpersonal noch genügend Autorität habe. Am Ablauf der Konferenz stört ihn das Programm: „Wir müssen da nicht über irgendwelche Satzungs- und Programmdiskussionen sprechen.“ Sein Vorschlag laut dpa: ein Raum, alle Kreisvorsitzenden, Handys bleiben draußen, und dann ein paar Stunden reden mit der Parteiführung. Außerdem kritisierte er, dass die Konferenz an zwei Werktagen stattfindet. Für ehrenamtliche Kreischefs ohne Mandat sei es nicht einfach, sich aus ihren regulären Jobs zu lösen.

Die Wahlniederlagen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin seien nicht nur eine „Zäsur“ gewesen, wie es die Bundespartei formuliert habe, sondern eine „absolute Katastrophe“, sagte Raebel. In Mecklenburg-Vorpommern flog die CDU laut dpa erstmals in ihrer Geschichte aus einem Landesparlament. Raebel warnte: „Wenn man das wegignoriert, wenn man weiter so dahinwurschteln, werden wir spätestens bei der übernächsten Wahl im Bund, 2033, wirklich blau regiert werden.“ Ihm fehlten Lösungen, etwa für steigende Preise und Migration: „Wir haben in der CDU genug Analysten, die Probleme analysieren können, aber mir fehlt es derzeit einfach an Lösungen.“

Wichtig für die Einordnung: Raebel spricht vom „Berliner Führungspersonal“ und vom „Spitzenpersonal“ der CDU. In der BILD-Bildunterschrift wird daraus: Für Raebel habe „Kanzler Merz nicht mehr genügend Autorität“. Merz persönlich hat Raebel in den zitierten Sätzen nicht genannt. Das ist eine Zuspitzung von BILD.

Christian Herrgott, CDU-Kreischef im Saale-Orla-Kreis, Landrat und Präsident des Thüringischen Landkreistages, sagte der dpa: „Ich hätte mir etwas mehr Austausch mit dem Bundesvorsitzenden und den tatsächlich Verantwortlichen gewünscht.“ Für „einen bunten Abend“ brauche er nicht nach Berlin zu fahren. In der aktuellen BILD-Fassung fehlt im Zitat das Wort „etwas“ – aus „etwas mehr Austausch“ wird „mehr Austausch“. Ebenfalls nicht bei BILD steht, was Herrgott laut dpa direkt danach sagte: Er sei zuversichtlich, dass die wichtigen Themen auch angesprochen würden.

Herrgott forderte laut dpa einen klareren Plan, wie die CDU aus dem Umfragetief kommen wolle, und sprach von einem „begrenzten Output der Bundesregierung, was bei den Menschen ankommt“. Personaldebatten brächten die CDU aktuell nicht weiter. „Sondern es geht darum, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, die Kraft haben, nicht nur Reformen anzukündigen, sondern sie auch für die Menschen umzusetzen und wirksam zu machen.“ Die Verantwortlichen seien gewählt, jetzt sei es an der Zeit, dass sie „endlich mal was zustande bringen“. Das ist Kritik – aber ausdrücklich keine Forderung nach einem Rücktritt von Merz.

Auch Steffen Kania, Kreischef in Saalfeld-Rudolstadt und Präsident des Gemeinde- und Städtebunds Thüringen, sieht den Ablauf laut dpa ähnlich kritisch wie Raebel. Er betonte aber, dass der Austausch wichtig sei: „Die Erwartung ist, dass die Stimme der Basis gehört wird.“ Er hoffe auf einen neuen Kurs. In einer früheren BILD-Fassung war Kania noch zitiert, in der aktuellen fehlt er.

Aus Brandenburg kommen die Stimmen zu Parteiaustritten. Désirée Schrade, Kreisvorsitzende in Frankfurt (Oder), sagte der dpa, die Alarmlampe sei „dunkelrot“. „Es gibt schon spürbar Austritte.“ Diese würden alle mit der Unzufriedenheit mit der Bundespolitik begründet. Zahlen nannte sie nicht, laut dpa handelt es sich um einen kleinen Kreisverband. Schrade brachte auch eine Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz ins Spiel: Es brauche jemanden, der die Kraft habe, sich um die Partei zu kümmern. „Wenn er das nicht hat, sollte er es nicht mehr machen.“ Von Merz will sie wissen, „wie er sich die Zukunft unserer Partei vorstellt“.

BILD schreibt in einer Bildunterschrift, Schrade berichte „von immer mehr Parteiaustritten wegen Merz“. Das hat sie so nicht gesagt. Laut dpa sprach sie von „spürbar Austritten“, begründet mit der Bundespolitik. Von „immer mehr“ und von Merz als alleinigem Grund ist in ihren Zitaten nicht die Rede.

Christian Große, Kreischef in Potsdam-Mittelmark und einer von vier stellvertretenden Landesvorsitzenden in Brandenburg, sagte laut dpa: „Die Stimmung ist nicht gut aktuell.“ Wenn Leute austreten, „ist der Grund die Bundespolitik“. Sein Kreisverband hat laut dpa rund 610 Mitglieder. Wenn die Politik nicht liefere, mache man „den Populisten den Weg frei“. Große forderte, der Bund solle beim Personal sparen, statt „neue Steuern zu erfinden“ – gemeint sind laut dpa die Zuckersteuer und die geplante Plastiksteuer. BILD schreibt, Große „giftet“. Sachlich hat er Steuerpläne kritisiert. Der Oberhaveler Kreischef Frank Bommert hatte Merz laut dpa schon im September in einem Brief geschrieben: „Wir brauchen keine weiteren Ankündigungen, sondern Entscheidungen, die im Betrieb und bei den Menschen tatsächlich ankommen.“

Die Kritik kommt nicht nur aus dem Osten, klingt im Westen aber anders. Aus Niedersachsen forderte der Cloppenburger Kreischef Christoph Eilers laut dpa, Merz müsse seinen Anspruch, „Deutschland als Reformkanzler voranzubringen, jetzt mit aller Entschlossenheit“ verfolgen. Er zielte vor allem auf den Koalitionspartner: „Einer führungslosen SPD müssen als kleinem Koalitionspartner klar die Grenzen aufgezeigt werden.“ Der Bundestagsabgeordnete Bastian Ernst, Kreischef in Oldenburg-Land, sagte: „Wir haben ein Stück weit das Vertrauen verloren.“ Auch er brachte eine Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz ins Spiel.

Den Hintergrund liefern die Umfragen, nicht die Basis. Laut dpa liegt die CDU seit Monaten hinter der AfD. In der jüngsten INSA-Sonntagsfrage im Auftrag von BILD, online erhoben vom 23. bis 26. Oktober unter 2.010 Befragten, kam die Union auf 19 Prozent, die AfD auf 29,5 Prozent. Forsa für RTL und ntv, telefonisch vom 20. bis 26. Oktober unter 2.501 Befragten, sah die Union bei 21 und die AfD bei 27 Prozent. Diese Zahlen messen die Wahlabsicht aller Wahlberechtigten – über die Stimmung unter CDU-Mitgliedern sagen sie nichts aus. Bereits im September hatten nach den Wahlniederlagen Ex-Fraktionschef Ralph Brinkhaus und Ex-Generalsekretär Mario Czaja Merz scharf kritisiert, Czaja forderte damals sogar offen seinen Rücktritt.

Was bleibt? Unzufriedenheit an der CDU-Basis ist belegt – durch namentlich zitierte Kreisvorsitzende, die sich öffentlich geäußert haben. Belegt ist auch, dass einige von ihnen Austritte spüren und eine Trennung von Kanzleramt und Parteivorsitz ins Gespräch bringen. Nicht belegt ist, dass „die CDU-Basis“ insgesamt „wütet“. Dafür gibt es weder eine Umfrage noch eine Mitgliederbefragung, und mehrere der Zitierten betonen ausdrücklich, dass sie den Austausch für wichtig halten und keine Personaldebatte wollen. Ob die Kritik am Montag im Saal genauso deutlich ausfällt, wird sich zeigen.

KOMMENTAR / MEINUNG: Man muss die Kunst bewundern, aus einer Handvoll Kreisvorsitzender eine wütende Basis zu machen. Wer schreibt, er hätte sich etwas mehr Austausch gewünscht, wütet bei BILD schon. Wer sagt, er sei zuversichtlich, dass die wichtigen Themen angesprochen werden, verschwindet lieber gleich ganz aus dem Text. So entsteht Volkszorn am Schreibtisch.

KOMMENTAR / MEINUNG: Für die Parteizentrale ist das allerdings auch kein Grund zum Aufatmen. Wenn ehrenamtliche Kreischefs öffentlich sagen, dass Mitglieder austreten und das Vertrauen in die eigene Führung schwindet, dann ist das kein Zornesausbruch, sondern ein Warnsignal. Und Warnsignale haben die unangenehme Eigenschaft, nicht leiser zu werden, wenn man ihnen eine Satzungskommission entgegenstellt.

KOMMENTAR / MEINUNG: Ein Treffen an zwei Werktagen, für Leute mit normalen Jobs, mit Programmpunkten zur Satzung und einem Kanzler erst am Abend – man könnte meinen, die Planer wollten testen, wie viel Geduld die Basis noch hat. Am Montag wissen wir mehr. Vielleicht lassen sie die Handys ja wirklich draußen!

Sind Sie selbst in einer Partei aktiv und spüren Sie Austritte oder Frust in Ihrem Ortsverband? Schreiben Sie uns – wir behandeln Ihre Zuschrift auf Wunsch vertraulich!

Quellen:
BILD – „Sehr wenig Vertrauen“ und „spürbar Austritte“: CDU-Basis wütet gegen Merz (01.11.2026, 13:41 Uhr): https://www.bild.de/politik/inland/sehr-wenig-vertrauen-cdu-basis-wuetet-gegen-merz-6ae71a736a5ed9f213134572
SZ/dpa – „Wenig Vertrauen“: Thüringer Unmut über CDU-Bundesspitze (31.10.2026): https://www.sueddeutsche.de/politik/vor-dem-treffen-in-berlin-wenig-vertrauen-thueringer-unmut-ueber-cdu-bundesspitze-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-261031-930-921618
WELT/dpa – „Wenig Vertrauen“: Thüringer Unmut über CDU-Bundesspitze: https://www.welt.de/regionales/thueringen/article6ae56fe24db6c62483ec2cff/wenig-vertrauen-thueringer-unmut-ueber-cdu-bundesspitze.html
FOCUS online/dpa – CDU-Kreischefs treffen Merz und schlagen vorher Alarm (01.11.2026): https://www.focus.de/politik/deutschland/cdu-kreischefs-treffen-merz-und-schlagen-vorher-alarm_b0bf345b-f300-4148-8c4b-796260dc26f9.html
Tagesspiegel/dpa – Unmut und Austritte: CDU-Kreischefs schlagen Alarm (01.11.2026): https://www.tagesspiegel.de/berlin/dpa-vor-konferenz-mit-merz-unmut-und-austritte-cdu-kreischefs-schlagen-alarm-16222261.html
SZ/dpa – CDU-Vertreter fordern entschlossenen Reformkurs von Merz (30.10.2026): https://www.sueddeutsche.de/politik/kreisvorsitzendenkonferenz-cdu-vertreter-fordern-entschlossenen-reformkurs-von-merz-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-261030-930-917795
stern – CDU-Lokalfürsten kommen mit „Faust in der Tasche“: https://www.stern.de/politik/deutschland/friedrich-merz–cdu-lokalfuersten-kommen-mit–faust-in-der-tasche–38478276.html
DAWUM – INSA-Sonntagsfrage vom 27.10.2026 (Befragung 23.–26.10., 2.010 Befragte, online): https://dawum.de/Bundestag/INSA/2026-10-27/
DAWUM – Forsa-Sonntagsfrage vom 27.10.2026 (Befragung 20.–26.10., 2.501 Befragte, telefonisch): https://dawum.de/Bundestag/Forsa/2026-10-27/
Tagesspiegel – „Es funktioniert nicht mehr mit ihm“: Czaja teilt gegen Merz aus (22.09.2026): https://www.tagesspiegel.de/politik/es-funktioniert-nicht-mehr-mit-ihm-ehemaliger-cdu-generalsekretar-czaja-teilt-gegen-merz-aus-16085542.html

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