WAS ERLAUBEN KLOPP? Mannschaft spielt wie Flasche leer! Deutschländerwürste versinken im Mittelmaß! Einer von 83 Millionen hat nicht gezündet! 

Was erlauben Klopp? Der große Hoffnungsträger ist da, der Name klingt nach Champions League, Liverpool, Dortmund, großen Abenden und noch größeren Emotionen – doch der Start der deutschen Nationalmannschaft unter Jürgen Klopp hat den erwarteten Befreiungsschlag bislang nicht gebracht. Statt Fußball-Feuerwerk herrscht Ernüchterung! Statt einer neuen deutschen Welle gab es zunächst ein Unentschieden gegen die Niederlande und anschließend beim Heimdebüt eine Niederlage gegen Griechenland. Deutschland spielte in Amsterdam eins zu eins und verlor danach in Augsburg null zu eins, wobei Dimitrios Kourbelis in der zweiten Halbzeit den entscheidenden Treffer für die Griechen erzielte. Klopp hatte gegenüber dem ersten Spiel gleich auf mehreren Positionen gewechselt. Und genau hier beginnt die große Diskussion: Was soll dieses gewaltige Personalexperiment? Insgesamt berief Klopp für seine ersten vier Nations-League-Partien sage und schreibe vierundvierzig Spieler in zwei getrennte Kader. Vierundzwanzig Akteure waren für die Begegnungen gegen die Niederlande und Griechenland vorgesehen, weitere zwanzig sollten anschließend für die Spiele gegen Serbien und erneut Griechenland hinzustoßen. Für einen neuen Bundestrainer mag dieses Modell eine Gelegenheit sein, möglichst viele Kandidaten unter Wettbewerbsbedingungen zu sehen. Kritiker können darin aber auch ein gefährliches XXL-Experiment erkennen: Wie soll innerhalb kürzester Zeit eine feste Hierarchie, eine klare Stammelf und jener Zusammenhalt entstehen, der eine erfolgreiche Nationalmannschaft ausmacht, wenn nahezu zwei komplette Kader durch die Türen des DFB-Camps laufen? Eine Mannschaft richtig zu formen, Automatismen einzustudieren, Abwehrketten aufeinander abzustimmen, Laufwege festzulegen und eine gemeinsame Mentalität zu entwickeln, ist bereits eine Mammutaufgabe. Vierundvierzig Spieler dauerhaft bei Laune zu halten, jedem das Gefühl zu vermitteln, eine echte Rolle zu besitzen, und gleichzeitig eine funktionierende erste Elf aufzubauen, macht diese Aufgabe nicht kleiner. Die große Klopp-Rakete, die nach dem Abschied von Julian Nagelsmann die deutsche Fußballnation wieder nach oben schießen sollte, ist jedenfalls noch nicht gestartet. Klopp übernahm nach dem deutschen WM-Aus und wurde im Sommer mit einem Vierjahresvertrag vorgestellt, der bis zur Europameisterschaft und darüber hinaus reicht. Doch große Namen gewinnen keine Spiele allein. Und wer glaubte, allein die Verpflichtung des ehemaligen Liverpool-Trainers würde aus einer verunsicherten Nationalelf sofort wieder eine deutsche Fußballmaschine machen, hat nach den ersten beiden Partien zumindest einen kräftigen Dämpfer bekommen. Der Bundestrainer selbst räumte nach seinem Debüt ein, dass seine Mannschaft noch weit von Perfektion entfernt gewesen sei und in Phasen zu wenig Fußball gespielt habe. Genau darum geht es: Deutschland braucht keine zwei Nationalmannschaften, Deutschland braucht nach Ansicht der Kritiker eine starke erste Mannschaft und starke Ersatzspieler dahinter – Spieler, die wissen, was ihre Aufgabe ist, und die nicht bei jedem Lehrgang rätseln müssen, ob sie gerade Bestandteil eines langfristigen Plans oder lediglich Teil eines gigantischen Auswahlverfahrens sind.

Und dann wäre da noch der Auftritt abseits des Rasens. Klopp hatte bei seiner ersten Kaderpräsentation nicht nur über Fußball gesprochen, sondern auch über gesellschaftliche Fragen, Nationalstolz und die politische Stimmung im Land. Er sagte, er wolle nationalen Stolz nicht den „falschen Leuten“ überlassen, sprach davon, sich die deutsche Fahne gewissermaßen zurückholen zu wollen, und bezog sich dabei auf eine vorausgegangene Wahl, bei der die AfD stark abgeschnitten hatte. Die Partei nannte er in seinen entscheidenden Formulierungen nicht ausdrücklich beim Namen, doch seine Aussagen wurden weithin als Bezug auf die AfD und als Plädoyer gegen Rechtsextremismus verstanden. Ob ein Bundestrainer solche politischen und gesellschaftlichen Botschaften bei einer Kadernominierung senden sollte, ist eine Frage, über die Fans völlig unterschiedlich denken können. Die einen werden sagen: Ein prominenter Nationaltrainer ist Bürger dieses Landes und darf selbstverständlich gesellschaftliche Positionen vertreten. Andere werden entgegnen: Politik gehört nicht auf die Bühne einer Nationalmannschaft, wenn dort eigentlich Spieler, Taktik und sportliche Ziele im Mittelpunkt stehen sollten. Genau diese Kritik erhielt Klopp nach seiner Rede auch öffentlich; so wurde unter anderem argumentiert, dass eine Nationalmannschaft auf dem Fußballplatz gegen andere Nationalteams und nicht gegen eine politische Partei antrete. Der entscheidende Punkt für viele Fans dürfte ohnehin viel bodenständiger sein: Sie wollen Siege sehen. Sie wollen Tempo, Leidenschaft, Zweikämpfe, Tore und eine Mannschaft, bei der man nach wenigen Minuten erkennt, was sie vorhat. Sie wollen nicht wochenlang über gesellschaftspolitische Botschaften, Symbolik oder die richtige Interpretation einer Pressekonferenz diskutieren, während auf dem Platz die Punkte liegen bleiben. Und genau deshalb wird der Druck auf Klopp schnell wachsen, sollte sich die sportliche Entwicklung nicht deutlich verbessern. Der Trainer genießt aufgrund seiner außergewöhnlichen Vereinskarriere einen enormen Vertrauensvorschuss. Doch auch er kann nicht zaubern. Seine größten Erfolge feierte Klopp im täglichen Vereinsbetrieb, wo Trainer über Monate und Jahre mit ihren Spielern arbeiten, Transfers beeinflussen, Trainingsinhalte täglich wiederholen und Mannschaften Stück für Stück formen können. Eine Nationalmannschaft funktioniert anders. Hier gibt es wenige Trainingstage, ständig wechselnde Belastungen, Verletzungen und Spieler aus unterschiedlichen Vereinen und Spielsystemen. Die Behauptung, Klopp könne ausschließlich mit teuer zusammengestellten Mannschaften erfolgreich sein, wäre deshalb als pauschales Urteil nicht belegbar. Doch eines ist richtig: Sein Ruf allein garantiert Deutschland keinen Erfolg. Und wenn hochbezahlte Nationalspieler ihr enormes Können nicht auf den Platz bringen, hilft auch der berühmteste Trainername nichts. Gerade deshalb trifft die Kritik an den Spielern einen empfindlichen Nerv. Im internationalen Spitzenfußball werden Millionengehälter gezahlt, entsprechend hoch sind die Erwartungen. Wer das Nationaltrikot trägt, wird an Einsatz, Qualität und Ergebnissen gemessen. Wenn diese Ergebnisse ausbleiben, entsteht zwangsläufig die Frage, ob Anspruch und Wirklichkeit noch zusammenpassen.

Der Vergleich zwischen Fußball und dem Zustand Deutschlands, der in der öffentlichen Debatte immer wieder gezogen wird, bleibt dagegen eine politische und gesellschaftliche Wertung und kein messbarer Fakt. Aber als boulevardeske Metapher besitzt er Sprengkraft: hohe Erwartungen, enorme Kosten, große Versprechen – und anschließend die bange Frage, ob am Ende genügend Leistung herauskommt. Genau dieses Gefühl treibt offensichtlich einen Teil der enttäuschten Fans um. Man erwartet nach Jahren wechselhafter Turniere endlich wieder eine Mannschaft, vor der die Konkurrenz Respekt hat. Stattdessen wird über Experimente diskutiert, über vierundvierzig Spieler, zwei Kader, Belastungssteuerung und langfristige Entwicklung. Klopp selbst begründete seinen ungewöhnlich großen Kader damit, Spieler kennenlernen und Kandidaten für die kommenden Jahre vorbereiten zu wollen. Das ist ein nachvollziehbarer sportlicher Ansatz – doch am Ende wird auch dieses Konzept an Resultaten gemessen werden. Die deutsche Fußballgeschichte lebt nicht von Experimenten allein, sondern von Mannschaften, die sich gefunden haben, von klaren Rollen, von einer funktionierenden Achse und von Spielern, die auch dann liefern, wenn das Spiel hässlich wird. Genau das muss Klopp nun schaffen. Sein Name hat Euphorie ausgelöst, seine Verpflichtung wurde als Beginn einer neuen Ära präsentiert, doch der erste Zauber ist nach dem Remis gegen die Niederländer und der Niederlage gegen Griechenland bereits verflogen. Noch sind zwei Spiele natürlich viel zu wenig, um Klopps gesamte Amtszeit seriös zu beurteilen. Aber ebenso wenig darf jeder Fehlstart automatisch schöngeredet werden. Wer den Anspruch erhebt, wieder zur europäischen und internationalen Spitze zu gehören, muss sich mit der Realität auf dem Rasen beschäftigen. Deutschland benötigt nicht vierundvierzig Hoffnungsträger, sondern irgendwann elf Spieler auf dem Platz, die als Einheit funktionieren – plus eine Bank, die jederzeit Qualität nachlegen kann. Die kommenden Spiele werden zeigen, ob Klopps ungewöhnlicher XXL-Plan tatsächlich der Beginn eines erfolgreichen Neuaufbaus ist oder ob aus der vermeintlichen Wunderrakete ein Rohrkrepierer wird. Nach dem ersten Unentschieden und der ersten Niederlage steht jedenfalls fest: Der Name Klopp allein hat noch nichts verändert. Jetzt müssen Taktik, Auswahl und Spieler liefern – denn im Fußball zählt am Ende nicht der Ruf eines Trainers, nicht die Größe einer Pressekonferenz und nicht die Zahl der nominierten Profis. Es zählen Leistung, Tore und Siege.

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