Tübingen kocht – und diesmal nicht wegen Klimapolitik oder Verkehrswende. Eine Zugfahrt wird zum Politikum, ein Wort zur Zündschnur, ein Regelverstoß zur Grundsatzfrage. Auslöser ist ein Vorfall, den Boris Palmer selbst öffentlich macht. Jugendliche diskutieren laut darüber, sich ohne Berechtigung in die erste Klasse zu setzen. Kein Zugbegleiter in Sicht, die Hemmschwelle sinkt. Als Palmer einschreitet und erklärt, dass das Deutschlandticket dafür nicht gilt, zieht einer ab – nicht ohne Abschiedsbotschaft: „Halt die Fresse“. Ein Satz, der knallt. Palmer lässt es nicht stehen, weist sich als Leiter der Ortspolizeibehörde aus, erklärt die Beleidigung zur Straftat. Am Ende entschuldigt sich der Jugendliche. Fall erledigt? Von wegen.
Denn dann kippt die Stimmung. Mitreisende mischen sich ein, nicht der Regelbruch steht im Fokus, sondern der Mann, der eingeschritten ist. Datenschutz-Vorwürfe fliegen durch den Waggon, ein Fahrgast zückt die Kamera. Plötzlich wird der Oberbürgermeister selbst zum Angeklagten. Besonders brisant wird es, als eine Frau das Wort ergreift, die sich später als Lehrerin zu erkennen gibt. Sie wirft Palmer Grenzüberschreitungen vor und stellt grundsätzlich infrage, ob es überhaupt problematisch sei, ohne passenden Fahrschein in der ersten Klasse zu sitzen. Der Hinweis auf eine Ordnungswidrigkeit prallt ab. Statt Einsicht folgt Relativierung. Statt Regelbewusstsein kommt Moralkeule.
Genau das treibt Palmer um. Nicht der kleine Regelverstoß, sondern die schnelle Solidarisierung mit dem Regelbrecher und der reflexhafte Angriff auf den, der Ordnung einfordert. Besonders bitter: Wenn ausgerechnet eine Lehrerin Regeln bagatellisiert, sendet das ein fatales Signal. Das Gespräch endet mit einem Satz, der hängen bleibt wie Kaugummi am Schuh: „Sie sind ein armes Opfer.“ Der Facebook-Bericht entfacht eine Debatte, die tiefer geht als ein Zugabteil. Fremdscham für die Lehrerin, Zuspruch für konsequentes Handeln, aber auch Spott und Abwiegeln gegen Palmer. Es ist mehr als eine Szene aus dem Alltag – es ist ein Schlaglicht auf eine Gesellschaft, die Regeln will, solange sie andere betreffen, und die Ordnung ruft, bis jemand sie durchsetzt.
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