Pfaffenhofen an der Ilm in Bayern – Ein winziger Gewichtsunterschied von gerade mal zehn Gramm hat das Leben von Bäckermeister und Konditor Matthias Breitner (65) komplett auf den Kopf gestellt. Seit 66 Jahren, also seit 1960, führt die Familie die Bäckerei Breitner. Und genau so lange war es gang und gäbe: Will ein Kunde nur ein halbes Brot, greift die Verkäuferin zum ganzen Laib, schneidet ihn in der Brotschneidemaschine exakt in der Mitte durch und kassiert den halben Preis. Beim Mischbrot waren das stets 2,40 Euro – die genaue Hälfte der 4,80 Euro für den ganzen Laib. Doch dann wog ein unzufriedener Kunde seine Hälfte zu Hause nach, fühlte sich betrogen und schickte eine anonyme E-Mail. Die Folge: Das Eichamt rückte an, untersagte den Verkauf von halben Broten ohne Nachwiegen – und Breitner musste 15.000 Euro für neue amtlich geeichte Präzisionswaagen, Software und Arbeitszeit berappen.
In der Bäckerei herrscht seit Generationen der gleiche Alltag. Die Verkäuferinnen greifen zum frischen Laib, lassen ihn durch die Maschine laufen und reichen dem Kunden die gewünschte Hälfte. Niemand hat sich jemals über die Praxis beschwert, und die Familie sieht darin schlicht Kundenservice. Am Wochenende gibt es sogar immer Kostproben, über die sich ebenfalls noch nie jemand aufgeregt hat. Die Tochter des Hauses, Amelie Breitner, steht hinter dem Tresen und erklärt mit einem Lächeln, dass man den Leuten doch nicht zumuten könne, immer nur ganze Brote mitzunehmen. Viele Kunden fragen inzwischen sogar nach, ob sie das Brot kaufen dürfen, wenn sie schriftlich zustimmen, dass es nicht gewogen wird. Andere Bäcker in der Stadt haben derweil komplett auf den Verkauf von halben Broten verzichtet, um jeden Ärger mit den Behörden zu vermeiden.
Der anonyme Beschwerdeführer ließ nicht locker und schaltete die Behörden ein. Plötzlich stand das Eichamt in der Bäckerei und machte klar: Weiterhin halbe Brote zu verkaufen, geht nur noch, wenn sie auf einer amtlich geeichten Präzisionswaage nachgewogen und der Preis exakt berechnet wird. Seit 2020 schreibt die Fertigpackungsverordnung (FPackV) das so vor. Hätte der Bäcker die Brote vorher geteilt, als halbe Brote ausgepreist und ins Regal gelegt, wäre kein Nachwiegen nötig. Doch Dutzende halbe Brote, die über den Tag antrocknen, will sich Breitner nicht ins Regal legen. Also investierte er in teure neue Waagen für seine Filialen. Mit Arbeitszeit und neuer Software summiert sich der Schaden auf 15.000 Euro – Geld, das er mit den halben Broten nie wieder reinholen wird. Im Drei-Cent-Bereich spielen sich die Differenzen ab, die Kunden jetzt mehr oder weniger zahlen müssen.Der Bäckermeister selbst reagierte zunächst lapidar auf die anonyme E-Mail: „Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Beim nächsten Mal sind es bestimmt zehn Gramm mehr.“ Das war wohl sein Fehler. Denn zehn Gramm sind nicht einmal eine halbe Scheibe Brot – und doch reichten sie aus, um einen amtlichen Vorgang auszulösen, der ihn am Ende 15.000 Euro kostete. Seit 1960 gibt es die Bäckerei, und es gab noch nie Ärger. Jetzt steht Matthias Breitner (65) vor den teuren neuen Waagen, auf denen seine Tochter Amelie Breitner (21) die Brote abwiegt, und schüttelt den Kopf. Das Geld hole er mit dem halben Brot nie wieder rein. Und die Kunden? Die fragen inzwischen nach schriftlichen Verzichtserklärungen aufs Wiegen – ein kurioses Nachspiel in einer Geschichte, die zeigt, wie aus zehn Gramm ein teurer Alptraum werden kann.
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