WIRBEL UM HARTMANN-POST: RASSISMUS-VORWURF WEGEN ELIF ERALP

Symbolfoto: Smartphone mit unscharfem Social-Media-Feed und vielen Benachrichtigungen, im Hintergrund das Rote Rathaus in Berlin
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Berlin – Ein einziger Satz auf X, rund 881.000 Aufrufe und ein Sturm der Entrüstung quer durch die Parteien: Der frühere ARD-Sportmoderator Waldemar Hartmann (78) hat mit einem Beitrag über die Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp (45) Rassismus-Vorwürfe von CDU, Grünen und Linken auf sich gezogen. Er habe „einfach ein Problem damit“, schrieb Hartmann, „dass eine Regierende Bürgermeisterin der deutschen Hauptstadt Berlin Elif Eralp heißt“. Hartmann weist die Vorwürfe entschieden zurück. Was genau er geschrieben hat, wer wie reagierte – und wo „Bild“ ungenau ist.

Der Beitrag erschien am Samstag, 31. Oktober 2026, um 13:36 Uhr auf Hartmanns X-Konto, das er selbst als privat beschreibt („Freier Journalist, bin privat hier“). Er lautet vollständig: „Mal abgesehen von den aberwitzigen politischen Vorstellungen der Linken in Berlin und ihrer Abhängigkeit von kriminellen Clans und islamistischen Terrororganisationen habe ich einfach ein Problem damit, dass eine Regierende Bürgermeisterin der deutschen Hauptstadt Berlin Elif Eralp heißt.“ Bis Montagmittag wurde der Post nach den Angaben von X rund 881.000-mal angezeigt, mehr als 4.400 Nutzer markierten ihn mit „Gefällt mir“, mehr als 460 zitierten ihn. Gelöscht hat Hartmann ihn bis zum Zeitpunkt unserer Recherche nicht.

Brisant ist vor allem der zweite Teil des Satzes. Hartmann kritisiert dort nicht Eralps Politik – die hat er im ersten Teil ausdrücklich „abgesehen“ –, sondern dass die künftige Regierungschefin „Elif Eralp heißt“. Der Name ist türkischen Ursprungs. Eralp wurde laut Deutscher Welle in München geboren, ihre Eltern flohen nach dem Militärputsch von 1980 aus der Türkei nach Deutschland. Kritiker lesen den Satz deshalb als Ablehnung wegen Herkunft und Namen.

Die deutlichste Reaktion kam aus der CDU. Staatsministerin Serap Güler schrieb am Sonntagvormittag auf X: „Man kann Elif Eralp und ihre Partei zu Recht heftig kritisieren. Sie bieten dafür genug inhaltliche Punkte. Das hier aber ist ohne Wenn und Aber blanker Rassismus. Einfach Rassismus.“ Ihr Beitrag wurde nach X-Angaben rund 178.000-mal angezeigt. Auch der Bundesvorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, Dennis Radtke, sprach laut Deutschlandfunk von Rassismus.

Die frühere Linken-Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete Janine Wissler kritisierte laut Deutschlandfunk den Verweis auf Eralps Namen und die Herkunft ihrer Eltern. Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang kommentierte knapp auf Englisch: „You’re not supposed to say the quiet part out loud.“ Gemeint ist sinngemäß: Man spricht nicht laut aus, was man eigentlich verschweigen wollte.

Auch Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, meldete sich am Sonntag zu Wort. Er erinnerte an Rudi Völlers berühmten Wutausbruch gegen Hartmann aus dem Jahr 2003 und schrieb: „Hartmann scheut sich nicht, rassistisch gegen @ElifEralpBerlin zu hetzen. Bei aller Kritik an @dielinkeberlin: So nicht. Da ist Solidarität mit Eralp angesagt.“

Hartmann ist einem Millionenpublikum bekannt: Jahrzehntelang moderierte er Sportsendungen in der ARD, darunter „Waldis WM-Club“. Legendär ist bis heute das Interview mit dem damaligen Teamchef Rudi Völler nach dem torlosen Unentschieden der Nationalmannschaft in Island im September 2003, in dem Völler sich vor laufender Kamera lautstark über die Kritik an seiner Mannschaft beschwerte – und dabei auch Hartmann direkt anging. Hartmann, den viele nur „Waldi“ nennen, gilt seither als Mann deutlicher Worte. Auf X folgen ihm nach Angaben der Plattform knapp 38.000 Konten, verfasst hat er dort bislang rund 2.200 Beiträge – einer davon steht nun im Zentrum einer bundesweiten Debatte.

Eralp selbst hat sich nach unserem Kenntnisstand bislang nicht öffentlich zu Hartmanns Beitrag geäußert. In keinem der von uns ausgewerteten Berichte wird eine Reaktion von ihr zitiert.

Hartmann sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der „Bild“ sagte er, mit seinem Post habe er lediglich die Berliner Linke kritisieren wollen, deren Politik er für „aberwitzig“ halte. Die Vorwürfe hätten ihn tief getroffen: „Ich bin jetzt 78 Jahre alt, kein Mensch kann mir auch nur ansatzweise irgendetwas vorlegen, das mit Rassismus zu tun hat. Ich war kein Rassist, ich bin keiner und ich werde auch keiner werden.“ Dass Linke und Grüne „die Rassismuskeule schwingen“, damit könne er leben. Dass aber auch CDU-Politiker ihm Rassismus vorwerfen, „anstatt sich zu fragen, warum eine Frau Eralp gewinnen konnte“, sei „an Heuchelei und Unterirdischem nicht zu überbieten“.

Ob der Satz rassistisch ist, ist eine Bewertung – und die fällt je nach Lager unterschiedlich aus. Unter Hartmanns Beitrag zeigt sich ein gespaltenes Bild: Viele Nutzer stimmen ihm zu, andere werfen ihm vor, nicht die Politik, sondern den Namen zum Problem zu machen. Fest steht nur, was im Post steht. Und dort ist die Kritik an der Politik ausdrücklich vorangestellt, das „Problem“ aber an den Namen geknüpft. Hartmann selbst bestreitet jede rassistische Absicht.

Auch Hartmanns Vorwürfe gegen die Linke selbst sind zugespitzt. Von einer „Abhängigkeit von kriminellen Clans und islamistischen Terrororganisationen“ spricht keine der seriösen Quellen. Belegt ist laut Deutschlandfunk, dass es Vorbehalte gibt, weil einzelne Mitglieder Kontakte zu Vertretern der Clankriminalität haben sollen, und dass vor allem dem Bezirksverband Neukölln antisemitische Tendenzen vorgeworfen werden. Nach einem Bericht der „Welt“ besuchten am Wahlabend unter anderem ein bekannter Clan-Chef und ein als Terror-Unterstützer kritisierter Aktivist die Wahlparty. Für die Partei gilt: Vorwürfe sind keine Beweise.

Hintergrund des Streits ist die politische Lage in Berlin. Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 wurde die Linke mit 25,7 Prozent erstmals stärkste Kraft, vor CDU (18,8 Prozent), AfD (16,3 Prozent), Grünen (14,3 Prozent) und SPD (12,1 Prozent). Die bisherige schwarz-rote Koalition verlor ihre Mehrheit. Am Montag, 2. November, haben Linke, Grüne und SPD Koalitionsverhandlungen begonnen. Ein Koalitionsvertrag könnte laut Tagesschau bis Dezember stehen – sicher ist das nicht, am Ende entscheiden die Mitglieder. Regierende Bürgermeisterin ist Eralp also noch nicht.

Politisch umstritten ist Eralp durchaus. Sie war jahrelang Mitglied der Roten Hilfe, die der Verfassungsschutz dem Linksextremismus zurechnet. Laut ZDFheute trat sie dem Verein während ihres Jurastudiums in Hamburg bei, war nach Angaben ihrer Partei „über Jahre passives Mitglied“ und trat 2025, noch vor ihrer Spitzenkandidatur, „wegen teilweise anderer politischer Ansichten“ aus. Die Mitgliedschaft war im Handbuch des Abgeordnetenhauses öffentlich angegeben. Laut „Berliner Zeitung“ lässt sich aus der Mitgliedschaft allein keine persönliche Einstufung als Linksextremistin ableiten.

Was „Bild“ anders darstellt: Das Blatt schreibt im Vorspann als Tatsache von „den Kontakten ihrer Partei ins Clan-Milieu“ und vom „Israel-Hass in Teilen ihres Landesverbands“. Das sind Vorwürfe, die gegen einzelne Mitglieder und Gliederungen erhoben werden – keine festgestellten Tatsachen über die Partei insgesamt. Die Rote-Hilfe-Mitgliedschaft nennt „Bild“ korrekt „früher“, verschweigt aber, dass Eralp nach Parteiangaben passives Mitglied war und 2025 austrat.

Außerdem lässt „Bild“ offen, wann der Post erschien, und nennt weder seine Reichweite noch die Reaktionen von Janine Wissler und Sigmount Königsberg. Dass Eralp ab Montag Koalitionsverhandlungen „leitet“, ist verkürzt: Geführt werden die Verhandlungen laut Deutschlandfunk von einer Arbeitsgruppe aus Spitzenvertretern aller drei Parteien. Die von „Bild“ zitierten Aussagen von Güler, Radtke, Lang und Hartmann selbst stimmen mit den übrigen Berichten und den Originalbeiträgen überein.

Der Fall zeigt, wie schnell ein Satz in sozialen Netzwerken eine Debatte auslöst, die weit über den Anlass hinausgeht. Die einen sehen in den Rassismus-Vorwürfen eine „Keule“ gegen unbequeme Meinungen, die anderen eine überfällige Grenzziehung. Klar ist: Politische Kritik an Eralp und ihrer Partei ist legitim – auch scharfe. Die Frage, die Hartmann sich gefallen lassen muss, ist, ob ein Name dazugehört.

KOMMENTAR / MEINUNG: Man muss Waldemar Hartmann zugutehalten, dass er seine politischen Argumente gleich zu Beginn höflich beiseitegelegt hat. „Mal abgesehen von“ ist eine erstaunlich ehrliche Einleitung für einen Satz, in dem dann genau das übrig bleibt, was eigentlich keine Rolle spielen sollte: der Name.

KOMMENTAR / MEINUNG: Besonders bemerkenswert ist, dass sich der Ex-Moderator nun von der eigenen Seite missverstanden fühlt. Wenn selbst Unionspolitiker, die Eralp politisch alles andere als nahestehen, einen Satz problematisch finden, könnte das ein Hinweis sein. Aber vielleicht haben einfach alle falsch gelesen, außer dem Verfasser selbst.

KOMMENTAR / MEINUNG: Dabei hätte es so einfach sein können. An Eralps Politik gibt es reichlich zu kritisieren, von der Enteignungsdebatte bis zum Umgang mit Antisemitismus in Teilen ihrer Partei. Wer stattdessen am Namen hängenbleibt, liefert ihren Anhängern ausgerechnet das schönste Geschenk: eine Debatte, in der plötzlich sie die Angegriffene ist.

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Quellen:
BILD (Ausgangsartikel): https://www.bild.de/politik/inland/waldemar-hartmann-ex-sportmoderator-empoert-mit-satz-ueber-elif-eralp-6ae83e5f5e7018b4bea956b3
X-Beitrag Waldemar Hartmann: https://x.com/hartammann/status/2116509608034390429
X-Beitrag Serap Güler: https://x.com/SerapGueler/status/2116821243810701364
X-Beitrag Sigmount Königsberg: https://x.com/s_koenigsberg/status/2116858922153992577
Deutschlandfunk, Reaktionen auf Hartmann: https://www.deutschlandfunk.de/politik-attackiert-ex-sportreporter-waldemar-hartmann-nach-aussage-zu-eralp-die-linke-100.html
WELT: https://www.welt.de/politik/deutschland/article6ae827fca609ad98395994f2/waldemar-hartmann-blanker-rassismus-aussage-von-ex-sportmoderator-ueber-elif-eralp-sorgt-fuer-empoerung.html
t-online: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101508118/nach-aussagen-ueber-elif-eralp-kritik-an-ex-ard-moderator-waldemar-hartmann.html
RTL: https://www.rtl.de/unterhaltung/stars/waldemar-hartmann-rassismus-vorwuerfe-nach-elif-eralp-post-id31485184.html
Berliner Zeitung, Reaktionen: https://www.berliner-zeitung.de/article/waldemar-hartmann-ueber-elif-eralp-rassismus-vorwuerfe-gegen-ex-waldis-wm-club-moderator-10555453
Deutschlandfunk, Koalitionsverhandlungen: https://www.deutschlandfunk.de/rot-gruen-rote-koalitionsverhandlungen-beginnen-in-berlin-100.html
Tagesschau, Koalitionsgespräche gestartet: https://www.tagesschau.de/inland/regional/berlin/koalitionsgespraeche-rot-gruen-rot-100.html
ZDFheute, Eralp und die Rote Hilfe: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/elif-eralp-rote-hilfe-linke-berlin-100.html
Berliner Zeitung, Rote Hilfe: https://www.berliner-zeitung.de/article/elif-eralp-rote-hilfe-mitglied-verfassungsschutz-10443402
Deutsche Welle: https://www.dw.com/de/die-linke-elif-eralp-und-ein-verein-namens-rote-hilfe/a-79518481

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