Berlin – Harte Abrechnung mit der deutschen Rüstungspolitik! Während Deutschland gewaltige Summen in die Modernisierung der Bundeswehr stecken will, erhebt der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Moritz Schularick, schwere Vorwürfe gegen Verteidigungsminister Boris Pistorius (66, SPD) und dessen Ministerium. Nach Ansicht des Top-Ökonomen droht ein historisches Milliardenprogramm ausgerechnet dort zu versanden, wo Deutschland eigentlich den technologischen Sprung in die militärische Zukunft schaffen müsste. Schularick kritisiert, das Verteidigungsministerium arbeite „sehr langsam“ und sei mit der Aufgabe, die Bundeswehr zukunftsfähig zu bewaffnen, offenbar überfordert. Besonders brisant: Es geht um ein rund 700 Milliarden Euro schweres und weitgehend kreditfinanziertes Programm zur Modernisierung der deutschen Streitkräfte. Doch statt die gigantischen Summen konsequent in moderne Technologien, automatisierte Systeme und neue Produktionsstrukturen zu lenken, werde nach Schularicks Darstellung weiterhin zu viel Geld in klassische Panzer und andere Technologien gesteckt, die aus seiner Sicht nicht mehr den entscheidenden Schwerpunkt einer modernen Armee bilden sollten. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ machte Schularick deutlich, dass Deutschland seiner Auffassung nach zwar über enorme finanzielle Möglichkeiten, großes industrielles Know-how und in verschiedenen Bereichen weiterhin über hochmoderne Technologien verfüge, aber gleichzeitig ein ganz anderes Problem habe: Es fehlten schlicht die Hunderttausenden Menschen, die künftig in großer Zahl in Panzer steigen, bemannte Fahrzeuge bedienen und im Ernstfall an die Front fahren wollten. Genau deshalb müsse die militärische Planung völlig neu gedacht werden. Statt immer mehr Soldaten, immer mehr bemannte Fahrzeuge und immer neue Kasernen zum Mittelpunkt der Verteidigungsstrategie zu machen, fordert der Ökonom einen massiven Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik. Deutschland müsse seine wirtschaftlichen und technologischen Stärken nutzen, anstatt Milliarden in Strukturen zu stecken, die womöglich schon bei ihrer Fertigstellung strategisch überholt seien. Für Schularick geht es dabei nicht nur um Verteidigungspolitik. Richtig eingesetzt könnten die enormen Investitionen nach seiner Einschätzung gleichzeitig einen kräftigen Impuls für die derzeit schwächelnde deutsche Wirtschaft auslösen, neue industrielle Kapazitäten schaffen und Deutschland bei entscheidenden Zukunftstechnologien wieder nach vorne bringen. Sein Vorwurf wiegt deshalb doppelt schwer: Wenn Berlin die Milliarden falsch verteile, drohe nicht nur eine verpasste Chance bei der Bundeswehr, sondern möglicherweise auch eine vertane wirtschaftspolitische Gelegenheit.
Besonders grundsätzlich fällt Schularicks Kritik an der bisherigen Beschaffungslogik aus. Deutschland dürfe sich seiner Auffassung nach nicht länger darauf konzentrieren, einzelne hochkomplexe und maßgeschneiderte Waffensysteme in vergleichsweise kleinen Stückzahlen einzukaufen. Stattdessen müsse der Staat dafür sorgen, dass im Land im Ernstfall innerhalb kürzester Zeit gewaltige Produktionsmengen hochgefahren werden könnten. Seine Forderung ist deshalb spektakulär: Deutschland solle nicht länger nur einzelne Geräte kaufen, sondern im übertragenen Sinn gleich „die ganze Fabrik“ bestellen. Was das konkret bedeuten könnte, macht Schularick an einem drastischen Zahlenbeispiel deutlich. Eine Produktionsanlage dürfe im Krisenfall nicht lediglich 200 Raketen pro Jahr herstellen können, sondern müsse bei Bedarf sehr schnell auf 2.000 Raketen jährlich hochfahren können. Das wäre die zehnfache Produktionskapazität. Der entscheidende Punkt: Eine solche Fabrik dauerhaft vorzuhalten, obwohl sie in Friedenszeiten möglicherweise nur zu einem Bruchteil ausgelastet wäre, lohnt sich für ein privates Unternehmen wirtschaftlich kaum. Deshalb müsse der Staat nach Schularicks Vorstellung eine Prämie dafür zahlen, dass industrielle Kapazitäten vorhanden bleiben und jederzeit aktiviert werden können. Damit würde sich die gesamte bisherige Beschaffungspolitik verändern. Nicht mehr nur die Frage, welches einzelne Waffensystem bestellt wird, wäre entscheidend, sondern ob Deutschland über die Maschinen, Produktionshallen, Fachkräfte, Zulieferketten, Rohstoffe und technologischen Fähigkeiten verfügt, um in einer schweren Krise schnell große Mengen moderner Waffen herzustellen. Genau für diese Aufgabe fordert der Ökonom außerdem einen eigenen Koordinator für militärische Beschaffung. Dieser müsste offenbar ressortübergreifend dafür sorgen, dass aus Milliardeninvestitionen tatsächlich industrielle Schlagkraft entsteht. Die Kritik richtet sich damit nicht lediglich gegen einen bestimmten Panzer oder ein einzelnes Rüstungsprojekt. Schularick stellt vielmehr das gesamte Prinzip infrage, nach dem Deutschland seine militärischen Fähigkeiten bislang plant und einkauft. Seine Botschaft: Eine Armee der Zukunft könne nicht allein dadurch entstehen, dass man bestehende Systeme in größerer Zahl bestellt. Entscheidend sei vielmehr, technologische Entwicklung, industrielle Massenproduktion und strategische Verteidigungsplanung miteinander zu verbinden. Gerade der Krieg in der Ukraine habe gezeigt, wie schnell enorme Mengen an Munition, Drohnen, Raketen und Ersatzteilen benötigt werden können. Produktionskapazität werde damit selbst zu einem strategischen Faktor. Ein Land könne auf dem Papier Milliardenbudgets beschließen – wenn im Ernstfall jedoch Fabriken, Lieferketten oder Produktionskapazitäten fehlten, lasse sich Geld nicht automatisch in militärische Stärke verwandeln.
Hinter Schularicks Warnung steckt deshalb eine viel größere Debatte über die Frage, wie Deutschland nach Jahrzehnten des militärischen Sparens wieder verteidigungsfähig werden soll. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 beschäftigt sich der Ökonom intensiv damit, wie Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit erhöhen und gleichzeitig die eigene Wachstumskrise überwinden könnte. Für ihn gehören beide Probleme offenbar zusammen. Deutschland besitzt Kapital, Ingenieurswissen, Industrieunternehmen, Forschungseinrichtungen und technologische Kompetenzen – doch diese Ressourcen müssten nach seiner Auffassung viel konsequenter in die Bereiche gelenkt werden, die in zukünftigen Konflikten entscheidend sein könnten. Automatisierte Systeme könnten Personalengpässe teilweise ausgleichen, Drohnen könnten zahlreiche Aufgaben übernehmen, für die bislang teure bemannte Plattformen notwendig waren, Satellitentechnik könnte Aufklärung und Kommunikation revolutionieren und Künstliche Intelligenz könnte militärische Systeme grundlegend verändern. Gerade weil Deutschland nicht beliebig viele neue Soldaten gewinnen könne, müsse Technologie den fehlenden Faktor Mensch teilweise kompensieren. Damit stellt Schularick indirekt auch eine der größten Fragen der aktuellen Bundeswehrplanung: Soll Deutschland seine Streitkräfte im Kern nach den Strukturen vergangener Jahrzehnte wiederaufbauen – nur mit mehr Geld – oder eine völlig neue, technologisch geprägte Streitmacht schaffen? Für Verteidigungsminister Boris Pistorius wird diese Debatte zunehmend unbequem. Der SPD-Politiker gilt zwar seit seinem Amtsantritt als einer der sichtbarsten Befürworter einer stärkeren Bundeswehr, doch Schularicks Kritik setzt genau an der entscheidenden Stelle an: Nicht allein die Höhe der Ausgaben entscheidet über militärische Stärke, sondern die Frage, wofür das Geld eingesetzt wird. Wenn ein weitgehend kreditfinanziertes Programm von rund 700 Milliarden Euro tatsächlich nicht die erhoffte Modernisierung bringt, könnten zukünftige Generationen enorme Schulden tragen, ohne dass Deutschland dafür die militärische Leistungsfähigkeit erhält, die mit diesen Summen eigentlich geschaffen werden sollte. Deshalb ist die Forderung des IfW-Präsidenten so explosiv: Weg vom Denken in einzelnen Panzern und Einzelbestellungen, hin zu riesigen Produktionskapazitäten, moderner Robotik, KI, Drohnen, Satelliten und einer Rüstungsindustrie, die im Ernstfall ihre Herstellung explosionsartig hochfahren kann. Die Auseinandersetzung um Pistorius’ Beschaffungspolitik ist damit weit mehr als ein Streit über Waffen. Es geht um die Frage, ob Deutschland Milliarden investiert, um die Kriege der Vergangenheit besser führen zu können – oder ob das Land endlich beginnt, sich auf die militärischen Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten.
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