PAUKENSCHLAG AUF DER „GAMESCOM“ IN KÖLN WEITET SICH AUS! Nach der Bundeswehr wirbt nun auch der BND zwischen Videospielen und Gaming-Hardware um Nachwuchs – Wie runtergekommen ist dieser Staat!

PAUKENSCHLAG AUF DER GAMESCOM IN KÖLN WEITET SICH AUS! Nach der Bundeswehr wirbt nun auch der BND zwischen Videospielen und Gaming-Hardware um Nachwuchs – Wie runtergekommen ist dieser Staat!KÖLN – Was als buntes Fest der Pixel, Controller und Cosplay-Kostüme durchgeht, entpuppt sich mitten in den Messehallen von Deutz als offene Personalbörse für Staat, Geheimdienst und Rüstung. Zwischen Xbox, Nintendo, Sony und Electronic Arts steht nicht nur der nächste Shooter. Dort steht der Staat höchstpersönlich und fischt nach Köpfen. Erst die Bundeswehr, jetzt der Bundesnachrichtendienst. Der BND sucht zwischen Gaming-Hardware, Headset-Ständen und Neonlichtern nach Nachwuchs für Cyber, IT und nachrichtendienstliche Missionen. Pressesprecherin Julia Linner spricht von einer „hohen Schnittmenge“: Gamer seien technikaffin, schlüpften gern in Rollen, lösten Missionen und blieben dran, bis sie es geschafft hätten.

Genau das, was der Dienst angeblich braucht. Die Gamescom 2026 läuft vom 26. bis 30. August. Mehr als 1.600 Aussteller aus 67 Ländern füllen 233.000 Quadratmeter, erstmals komplett ausgebucht. Im Vorjahr strömten rund 350.000 Besucher durch die Hallen. Zwei Drittel der Privatbesucher waren männlich, mehr als 40 Prozent zwischen 16 und 25 Jahren – genau die Altersgruppe, auf die Personalwerber starren. In Halle 10.1, der Jobs-and-Career-Area, stehen Bundeswehr, BND, Rheinmetall und sogar eine Vertretung des Bundestags. Die Bundeswehr ist nach Verbandsangaben seit 2009 vor Ort, der BND seit 2023. Wer vorbeiläuft, sieht nicht nur Merch und Demo-Stationen. Er sieht Flecktarn, Poloshirts mit Dienstwappen und Simulatoren. Der BND lockt mit dem eigenen Spiel „BND-Legenden: Operation Blackbox“. Spieler schlüpfen in die Rolle einer Agentin, arbeiten mit Hackerin und Geo-Spezialist, verschaffen sich Zugänge, knacken Rätsel, stoppen in der Fiktion einen Cyberangriff im erfundenen Schurkenstaat.

Am Stand sollen Interessierte ein Minigame und eine fünfstufige Cyber-Challenge durchlaufen, die Hacking- und Sicherheitsfähigkeiten testet. Berichte sprechen von einem rund 100 Quadratmeter großen Stand, rund 40 eingesetzten Mitarbeitern und Kosten im mittleren sechsstelligen Bereich für Auftritt und Spielentwicklung. Das Spiel selbst ist in etwa 20 Minuten durchspielbar. Agenten sollen zugleich „qualified professionals“ für fortgeschrittene Cyber-Rollen scouten. Die Bundeswehr setzt auf Hubschrauber-Simulation, Panzer am Bildschirm, Live-Hacking, Ausrüstung zum Anfassen und das Motto, das nächste Level zu erreichen. Bis 2035 soll die Truppe auf 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten wachsen. Hunderte Milliarden Euro fließen in die Modernisierung.

Wer 17 ist, darf sich für den freiwilligen Dienst interessieren. Kritiker der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen fordern eine Gamescom ohne Bundeswehr und attackieren auch die Präsenz von BND und Rüstungsfirmen. Der Staat antwortet mit Sichtbarkeit, Dialog und der Behauptung, man müsse eben dorthin gehen, wo die Talente schon stehen. Und genau hier beginnt der Boulevard-Schrei, der durch die Hallen hallt, obwohl die Lautsprecher eigentlich Trailer und Beatmaps spielen.Zwischen Merch-Tüten, Energy-Drinks und Warteschlangen vor neuen Welten wirkt die Szene wie eine Parallelwelt, in der Ernst und Spiel absichtlich vermischt werden. Eltern schieben Jugendliche an Ständen vorbei, an denen dieselbe Neugier belohnt wird, die sonst Highscores und Speedruns produziert. Wer hier stehen bleibt, bekommt nicht nur ein Give-away, sondern ein Gespräch über Beruf, Pflicht und unsichtbare Fronten. Die Messe bleibt bunt, laut und voller Lachen. Trotzdem hängt über manchem Gang die Frage, ob Freizeitindustrie und Staatsmacht sich zu selbstverständlich die Hand reichen.

Viele Besucher kommen wegen Trailer, Controllern und Gemeinschaft. Sie wollen Welten betreten, nicht Dienstvorschriften. Doch Arbeitgeberstände gehören inzwischen zum Inventar wie Foodtrucks und Fotoflächen. Manche finden das modern und ehrlich. Andere sehen darin eine Grenzüberschreitung, weil hier Jugendkultur und Sicherheitsapparat auf derselben Fläche um Aufmerksamkeit kämpfen. Die Atmosphäre bleibt festlich. Der Beigeschmack bleibt politisch.Ob das ein Zeichen von Pragmatismus oder von Verwahrlosung ist, entscheiden die Besucher mit den Füßen. Manche bleiben stehen, spielen mit, stellen Fragen. Andere ziehen weiter zu Indie-Demos und Cosplay-Treffen, als wäre der Karriere-Korridor nur ein seltsamer Seitenarm. In den Hallen selbst wird selten laut gestritten. Draußen und im Netz schon. Die Messeleitung lässt die Stände zu. Die Behörden bleiben. Das Publikum strömt weiter.

Zurück auf den Zahlenboden: Der Fachkräftemangel, so der BND, mache auch vor dem Dienst nicht halt. Frühere Berichte nannten rund 6.500 Beschäftigte, davon etwa 4.000 in Berlin, 1.000 in Pullach und 1.500 im Ausland oder andernorts. Offene Stellen und hoher Krankenstand kursierten in älteren Medienberichten. Deshalb die Reise nach Köln, deshalb das eigene Game, deshalb die Challenge in fünf Stufen. Deshalb sitzen IT-affine Gamer plötzlich in derselben Zielgruppe wie Analysten, Programmierer und Cyber-Spezialisten, die gegen Angriffe auf kritische Infrastruktur eingesetzt werden sollen – oft mit Blick auf russische Bedrohungslagen, wie internationale Berichte schreiben. Was als Recruiting verkauft wird, wirkt im grellen Licht der Messe wie ein Kulturbruch. Hier die größte Computerspielemesse der Welt, dort Behörden, die Nachwuchs brauchen und ihn dort abholen, wo Controller und Highscore-Listen das Lebensgefühl prägen. Die einen sehen Talentförderung. Die anderen sehen einen Staat, der seine Personalnot zwischen Pixeln und Powerbanks ausstellt. Der Paukenschlag von Köln ist damit kein Gerücht mehr, sondern ein Stand mit Stromanschluss, Warteschlange und Broschüre. Und während draußen weiter gezockt, gefilmt und gefeiert wird, bleibt der Satz aus dem Aufreger hängen: Wie weit darf Werbung gehen, wenn aus Spiel Ernst und aus Ernst wieder ein Spiel gemacht wird?

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