Kassel/Ukraine – Dieser Satz sorgt für mächtig Wirbel! Hat Verteidigungsminister Boris Pistorius bei seinem Besuch im KNDS-Werk in Kassel ganz nebenbei eine bislang nicht öffentlich bestätigte Information über deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine preisgegeben? Im Mittelpunkt steht die hochmoderne Radhaubitze RCH-155, die als eines der fortschrittlichsten Artilleriesysteme überhaupt gilt. Bislang war öffentlich vor allem bekannt, dass ukrainische Soldaten in Deutschland mit den ersten Exemplaren des Systems trainiert hatten. Eine tatsächliche Auslieferung in die Ukraine war dagegen offiziell nicht entsprechend bestätigt worden. Doch ausgerechnet Pistorius sorgte nun mit seinen Äußerungen für Aufsehen. Der SPD-Politiker erklärte bei seinem Besuch, die Radhaubitze finde große Zustimmung in der Ukraine. Noch brisanter wurde es, als der Minister laut dem Fachmagazin „hartpunkt“ darauf verwies, dass an der Stelle, an der seine Zuhörer gerade standen, ungefähr zwei Jahre zuvor die erste Radhaubitze gestanden habe, die anschließend in die Ukraine gegangen sei. Eine bemerkenswerte Aussage, die eine bislang offene Frage plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt: Befinden sich die deutschen RCH-155-Systeme möglicherweise schon wesentlich länger in der Ukraine als öffentlich bekannt? Pistorius‘ Formulierung legt zumindest nahe, dass ein erstes Exemplar bereits vor geraumer Zeit das Kasseler Werk in Richtung Ukraine verlassen haben könnte. Ob dieses Geschütz inzwischen tatsächlich an der Front eingesetzt wurde oder ausschließlich zu Ausbildungs-, Erprobungs- oder anderen Zwecken genutzt wird, bleibt allerdings offen. Eine offizielle Bestätigung eines Kampfeinsatzes liegt nach den vorliegenden Angaben nicht vor. Genau diese Ungewissheit macht die Aussagen des Verteidigungsministers politisch und militärisch so brisant. Denn bei Waffenlieferungen an die Ukraine werden Details über Auslieferungszeitpunkte, Einsatzorte und operative Fähigkeiten aus Sicherheitsgründen häufig nur eingeschränkt öffentlich kommuniziert. Umso größer dürfte nun das Interesse daran sein, was Pistorius mit seiner Bemerkung tatsächlich offenbart hat – und welche Informationen über die RCH-155 bislang bewusst nicht öffentlich gemacht wurden.
Die Aufregung kommt nicht von ungefähr, denn bei der RCH-155 handelt es sich nicht einfach um ein weiteres Artilleriegeschütz. Das System soll Geschwindigkeit, enorme Feuerkraft, Automatisierung und hohe Mobilität miteinander verbinden und könnte damit die Artillerie auf dem modernen Schlachtfeld erheblich verändern. Eine der spektakulärsten Fähigkeiten der Radhaubitze besteht darin, auch während der Fahrt feuern zu können. Während klassische Artilleriesysteme für den Schuss normalerweise ihre Position einnehmen und zumindest kurzzeitig stehen bleiben müssen, soll die RCH-155 ihre Geschosse auch aus der Bewegung heraus abfeuern können. Gerade im modernen Drohnenkrieg kann jede Sekunde entscheidend sein: Wer nach einem Artillerieschlag zu lange an derselben Position verharrt, riskiert, von gegnerischer Aufklärung entdeckt und anschließend durch Drohnen, Raketen oder Gegenfeuer angegriffen zu werden. Genau hier soll die Radhaubitze ihre enorme Stärke ausspielen. Feuern, weiterfahren, Position wechseln – und damit dem Gegner möglichst wenig Zeit für eine Reaktion lassen. Hinzu kommt eine beeindruckende Feuerleistung von bis zu neun Schuss pro Minute sowie eine Reichweite von mehr als fünfzig Kilometern, abhängig von der eingesetzten Munition. Der Geschützturm arbeitet weitgehend automatisiert, weshalb lediglich zwei Soldaten für die Besatzung benötigt werden sollen. Auch bei der Geschwindigkeit spielt das Fahrzeug seine Vorteile aus: Auf der Straße sind mehr als einhundert Kilometer pro Stunde möglich. Damit ist die Radhaubitze erheblich schneller und beweglicher als schwere Kettenfahrzeuge. Zum Vergleich: Die bei der Bundeswehr eingesetzte Panzerhaubitze zweitausend erreicht ungefähr sechzig Kilometer pro Stunde, benötigt normalerweise eine fünfköpfige Besatzung und bringt deutlich mehr Gewicht auf die Waage. Die RCH-155 soll dagegen Feuerkraft und Mobilität auf eine Weise miteinander verbinden, die angesichts der Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg immer wichtiger wird. Artilleriestellungen gehören dort zu den bevorzugten Zielen gegnerischer Drohnen und Aufklärungssysteme. Ein Geschütz, das nach einem Angriff nicht erst aufwendig seine Feuerstellung verlassen muss, sondern sich permanent bewegen kann, könnte deshalb einen entscheidenden Überlebensvorteil besitzen.
Und hinter der möglicherweise bereits erfolgten Lieferung steckt ein noch viel größeres Rüstungsprojekt. Nach den bekannten Planungen soll die Ukraine insgesamt vierundfünfzig RCH-155 erhalten. Mit einer solchen Stückzahl könnten theoretisch mehrere größere Artillerieverbände ausgerüstet werden und die ukrainischen Streitkräfte bekämen damit eine erhebliche zusätzliche Fähigkeit für weitreichende und hochmobile Feuerunterstützung. Gleichzeitig setzt auch die Bundeswehr selbst massiv auf das System und hat insgesamt vierundachtzig Radhaubitzen bestellt. Weitere Beschaffungen könnten folgen. Auch international wächst das Interesse: Großbritannien und die Schweiz gehören ebenfalls zu den Kunden beziehungsweise Beschaffungsprojekten rund um das moderne Artilleriesystem. Damit könnte die RCH-155 zu einem der bedeutendsten europäischen Artilleriesysteme der kommenden Jahre werden. Umso bemerkenswerter ist deshalb der Satz des deutschen Verteidigungsministers in Kassel. Sollte Pistorius tatsächlich bestätigt haben, dass bereits vor ungefähr zwei Jahren eine erste Radhaubitze in die Ukraine gegangen ist, wäre dies eine Information, die in dieser Deutlichkeit bislang öffentlich kaum bekannt war. Gleichzeitig bleibt eine entscheidende Frage unbeantwortet: Was geschah mit diesem System nach seiner Ankunft? Wurde es ausschließlich getestet und für die Ausbildung ukrainischer Soldaten genutzt – oder hat die deutsche Hightech-Haubitze längst unter realen Kriegsbedingungen geschossen? Solange dazu keine offizielle Bestätigung vorliegt, bleibt ein tatsächlicher Fronteinsatz Spekulation. Sicher ist dagegen: Mit wenigen Sätzen hat Boris Pistorius die Aufmerksamkeit auf ein Waffensystem gelenkt, das für die künftige Artillerie der Bundeswehr und ihrer Partner eine enorme Bedeutung besitzt – und möglicherweise schon viel länger Teil der ukrainischen Fähigkeiten ist, als bislang öffentlich angenommen wurde.
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