„RÄUDIGE KÖTER“: LINKEN-POLITIKER BESCHIMPFT KRITIKER – LAUT SPIEGEL

Symbolfoto: Smartphone auf einem Holztisch in einem Parlamentsflur, auf dem Display ein unscharfer Social-Media-Feed, im Hintergrund verschwommene Flurbeleuchtung, darüber in weißer Schrift auf blauem Feld die Schlagzeile „‚Räudige Köter‘: Linken-Politiker beschimpft Kritiker – laut SPIEGEL“
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Berlin – Auf dem Landesparteitag der Berliner Linken soll der Abgeordnete Andreas Umgelter Kritiker seiner Partei als „räudige Köter“ bezeichnet haben. Außerdem soll er gerufen haben: „Wir haben keine Gegner, wir haben Feinde.“ So berichtet es der SPIEGEL. BILD macht daraus: „Linke-Politiker erklärt Kritiker zu ‚Feinden‘“. Wir haben nachverfolgt, woher die Zitate stammen, was über den Zusammenhang bekannt ist und wer bisher reagiert hat. Ergebnis: Die Zitate gehen auf einen einzigen Bericht zurück, den vollständigen Redetext kennt bislang niemand öffentlich – und eine Reaktion des Abgeordneten oder seiner Partei gibt es bis Sonntagnachmittag nicht.

Zuerst zu den Fakten, die gesichert sind. Die Berliner Linke hielt am Samstag, 31. Oktober, einen außerordentlichen Landesparteitag im Dong-Xuan-Center in Berlin-Lichtenberg ab. Er begann laut tagesschau.de um 10 Uhr. Einziges großes Thema: die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen nach der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September, bei der die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft geworden war. Am Ende stimmten laut taz nur zehn von über 150 anwesenden Delegierten gegen Koalitionsverhandlungen. Die Gespräche sollen am Montag beginnen.

Andreas Umgelter ist neu im Parlament. Laut Abgeordnetenhaus ist der Arzt, Jahrgang 1966, erst seit dem 29. Oktober 2026 Mitglied des Parlaments – also zwei Tage vor dem Parteitag. Er gewann das Direktmandat im Wahlkreis Mitte 5 mit 36,4 Prozent. Bis 2026 war er laut Abgeordnetenhaus Chefarzt der Zentralen Notfallversorgung am Vivantes Humboldt-Klinikum. Auf der Seite der Linksfraktion nennt er eine bessere Gesundheitsversorgung als sein zentrales Anliegen. Als Abgeordneter ist er eine Person des öffentlichen Lebens, deshalb nennen wir seinen Namen.

Nun zu den Zitaten. Die Originalquelle ist ein Bericht des SPIEGEL von Anna Reimann und Hannes Schrader, erschienen am Samstag um 21:47 Uhr. Der Text steht hinter der Bezahlschranke. Die Zitate kennen wir aus den Wiedergaben anderer Medien, die sich ausdrücklich auf den SPIEGEL berufen: BILD, das Portal NIUS und der Nachrichtendienst upday. Nach diesen Wiedergaben sagte Umgelter: „Wir haben keine Gegner, wir haben Feinde.“ Kritiker seiner Partei habe er als „räudige Köter“ bezeichnet. Laut NIUS fiel der Satz über die Feinde „mit Blick auf den Wahltag“. Upday schreibt, Umgelter habe den Satz „ausgerufen“.

Was wir nicht kennen: den vollständigen Satz, in dem die Worte „räudige Köter“ fielen. Keiner der Berichte zitiert ihn ganz. Es heißt jeweils nur, „Kritiker“ oder „Kritiker der Linken“ seien so bezeichnet worden. Wen genau Umgelter meinte – Journalisten, politische Konkurrenten, innerparteiliche Gegner oder anonyme Stimmen im Netz –, geht aus den öffentlich zugänglichen Wiedergaben nicht hervor. Eine einzelne Person hat er nach allem, was bekannt ist, nicht namentlich genannt. Auch ein Video oder eine Aufzeichnung der Rede haben wir bisher nicht gefunden, obwohl der Tagesspiegel den Parteitag per Livestream übertragen hat.

Den Rahmen beschreibt der SPIEGEL laut NIUS so: Mehrere Delegierte hätten auf dem Parteitag scharfe Angriffe gegen Medien und Kritiker gerichtet. Die Berichterstattung der vergangenen Wochen über Antisemitismusvorwürfe und Extremismus im Umfeld der Partei sei wiederholt als politische Kampagne gegen die Linke dargestellt worden, und diese Angriffe seien wiederholt mit Applaus bedacht worden. Ein Befürworter eines kritischen Antrags sagte laut SPIEGEL-Wiedergabe: „Die Wahlverlierer haben mit einer politischen und medialen Hetzkampagne immer wieder die Behauptung wiederholt, die Linke als Partei habe ein Antisemitismusproblem.“ Und: „Unsere Partei hat kein Antisemitismusproblem.“

Das ist wichtig für die Einordnung. Umgelters Worte fielen offenbar in einer aufgeheizten Debatte über die Berichterstattung über die eigene Partei – nicht in einer Rede über eine bestimmte Person. Das macht die Wortwahl nicht besser. Es heißt aber auch: Wer behauptet, er habe bestimmte Menschen gemeint, muss das belegen. Das kann bisher niemand.

Und wie entschied der Parteitag inhaltlich? Ein Antrag des Bezirksverbands Steglitz-Zehlendorf, der die „Berliner Vereinbarung“ zum Schutz jüdischen Lebens und zum Existenzrecht Israels kritisierte, wurde abgelehnt. Landeschefin Kerstin Wolter hatte vorher gewarnt: „Ich möchte, dass jedem im Raum klar ist, dass, wenn wir diesem Antrag zustimmen, dann wird es keine Koalitionsverhandlungen geben.“ Laut taz standen zwei Drittel der Delegierten zur Vereinbarung. Im Sondierungspapier hatten Linke, Grüne und SPD festgehalten, dass das Existenzrecht Israels „unverhandelbar“ sei.

Damit zu BILD. Die Überschrift lautet: „Räudige Köter“! Linke-Politiker erklärt Kritiker zu „Feinden“. Nach den Wiedergaben des SPIEGEL-Berichts hat Umgelter aber zwei verschiedene Dinge gesagt: Politische Gegner seien „Feinde“, und Kritiker seien „räudige Köter“. BILD vermischt beides zu einem Satz. Den Zusammenhang „mit Blick auf den Wahltag“, den NIUS aus dem SPIEGEL wiedergibt, erwähnt BILD nicht. Und BILD nennt die Äußerung eine „Pöbelei“ und einen „verbalen Ausfall“ – das ist eine Wertung, keine Tatsachenbeschreibung.

Auffällig ist auch, was BILD um das Zitat herum baut. Der Artikel verbindet Umgelters Worte mit der früheren Mitgliedschaft der Spitzenkandidatin Elif Eralp in der Roten Hilfe, mit dem Streit über Israel in der Partei und mit einem Aktivisten aus dem Umfeld der Partei, den BILD als Terror-Unterstützer bezeichnet. Mit Umgelter hat nichts davon direkt zu tun. Keiner dieser Vorwürfe richtet sich gegen ihn. BILD schreibt zudem, „Teile der Berliner Linken“ weigerten sich, das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Dass es solche Stimmen gibt, ist dokumentiert. Unerwähnt lässt BILD aber, dass derselbe Parteitag mit großer Mehrheit ein Papier billigte, in dem dieses Existenzrecht ausdrücklich als „unverhandelbar“ steht.

Gibt es Reaktionen? Bis Sonntagnachmittag haben wir keine Stellungnahme von Umgelter selbst gefunden – weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung noch eine Klarstellung. Auch vom Landesvorstand um Kerstin Wolter, von der Fraktion um Elif Eralp, von SPD, Grünen oder CDU liegt bisher keine öffentliche Reaktion auf genau diese Äußerung vor. Eine gelöschte Nachricht gibt es nach unserem Kenntnisstand nicht – die Worte fielen nach allen Berichten in einer Rede, nicht in einem Post.

Die politische Stimmung rund um die Linke ist allerdings schon länger angespannt. CDU-Landeschef Stefan Evers hatte am Donnerstag laut Tagesspiegel wegen anderer Vorgänge gefordert, „die Vernünftigen bei Grünen und SPD“ müssten „endlich die Notbremse ziehen“. Der amtierende Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verlangte, Probleme „klar, offen und ehrlich“ zu benennen. Laut BILD und upday haben SPD-Politiker wie Karl Lauterbach und Sigmar Gabriel eine Initiative gegen ein rot-grün-rotes Bündnis unter dem Titel „Nicht um jeden Preis“ unterzeichnet. Die Grünen zeigen sich laut upday weiterhin bereit, mit der Linken zu verhandeln. Mit Umgelters Satz hat sich keiner von ihnen bisher öffentlich befasst.

Und rechtlich? Bekannt sind keine Anzeigen und keine Ermittlungen. Ob eine Äußerung wie „räudige Köter“ als Beleidigung strafbar ist, hängt unter anderem davon ab, ob sich die Worte auf bestimmte, erkennbare Personen beziehen. Genau das ist nach den bisherigen Berichten offen. Klar ist: Der besondere Schutz für Äußerungen im Parlament, die sogenannte Indemnität, gilt hier nicht, weil die Worte nicht im Abgeordnetenhaus, sondern auf einem Parteitag fielen. Ob jemand Strafantrag stellt, ist nicht bekannt.

Was bleibt? Belegt ist, dass ein frisch gewählter Linken-Abgeordneter auf einem Parteitag laut SPIEGEL von „Feinden“ und „räudigen Kötern“ gesprochen hat. Nicht belegt ist bisher, wen er damit genau meinte. BILD verdichtet die Zitate zu einer zugespitzten Überschrift und stellt sie in einen Zusammenhang mit Vorwürfen, die sich nicht gegen Umgelter richten. Eine Stellungnahme des Abgeordneten liegt uns nicht vor. Sobald er oder seine Partei sich äußern, tragen wir das nach.

KOMMENTAR / MEINUNG: Man muss es erst einmal schaffen: Kaum ist man Abgeordneter, schon kennt die ganze Republik den eigenen Namen – allerdings nicht wegen der Notaufnahme, sondern wegen des Tierreichs. Für einen Arzt ist das eine bemerkenswerte Diagnose der politischen Konkurrenz. Leider eine ohne Befund.

KOMMENTAR / MEINUNG: Wer seine Kritiker zu Feinden erklärt, macht sich das Leben einfach. Mit Gegnern müsste man streiten, Argumente austauschen, vielleicht sogar einmal recht geben. Mit Feinden muss man nur noch die Reihen schließen und auf Applaus warten. Für eine Partei, die bald eine Millionenstadt regieren will, ist das ein eher schmales Repertoire.

KOMMENTAR / MEINUNG: Ganz ohne Hilfe von außen kommt die Empörung natürlich auch nicht aus. Wenn aus zwei Sätzen eine Schlagzeile wird und daneben gleich noch die gesammelten Vorwürfe gegen andere Leute stehen, dann fühlt sich am Ende jede Seite bestätigt. Der Abgeordnete könnte das Ganze übrigens beenden – mit einem einzigen Satz der Klarstellung!

Waren Sie beim Parteitag der Berliner Linken dabei oder haben Sie die Rede im Livestream gesehen? Schreiben Sie uns, was genau gesagt wurde – und lesen Sie solche Zitate immer im Zusammenhang!

Quellen:
BILD – Berliner Linke: Abgeordneter beleidigt Kritiker als „räudige Köter“ (01.11.2026, 14:25 Uhr): https://www.bild.de/politik/inland/berliner-linke-abgeordneter-beleidigt-kritiker-als-raeudige-koeter-6ae725ed82dfc5c67ce5a42d
DER SPIEGEL – Die Linke in Berlin: Elif Eralp bekommt Applaus, Vanessa Emde demonstriert draußen (31.10.2026, 21:47 Uhr, SPIEGEL+): https://www.spiegel.de/politik/deutschland/linke-in-berlin-elif-eralp-bekommt-applaus-bei-parteitag-vanessa-emde-demonstriert-draussen-a-1c4807ec-4e32-4a03-8b54-9c4138debf4e
NIUS – „Wir haben keine Gegner, wir haben Feinde“: Linken-Abgeordneter beschimpft Kritiker als „räudige Köter“ (01.11.2026, 11:20 Uhr): https://nius.de/politik/wir-haben-keine-gegner-wir-haben-feinde-linken-abgeordneter-beschimpft-kritiker-als-raeudige-koeter
upday – Eklat bei Berliner Linken: Abgeordneter beschimpft Kritiker als „Feinde“ (01.11.2026, 14:18 Uhr): https://www.upday.com/de/news/eklat-bei-berliner-linken-abgeordneter-beschimpft-kritiker-als-feinde/pwy59dm
Abgeordnetenhaus Berlin – Dr. Andreas Umgelter: https://www.parlament-berlin.de/Abgeordnete/andreas-umgelter
Linksfraktion Berlin – Dr. Andreas Umgelter: https://www.linksfraktion.berlin/abgeordnete/dr-andreas-umgelter/
tagesschau.de – Berliner Linke stimmt für Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/linke-parteitag-koalitionsverhandlungen-100.html
tagesschau.de/rbb – Linkspartei: Eralp rechnet mit Zustimmung zu Koalitionsgesprächen: https://www.tagesschau.de/inland/regional/berlin/berlin-linkspartei-eralp-koalitionsverhandlungen-100.html
taz – Junge Linkspartei erstaunlich schnell erwachsen (01.11.2026): https://taz.de/Linke-will-in-Berlin-regieren/!6225742/
Tagesspiegel – Liveblog: Linke-Chefin Wolter macht Tempo für Koalitionsverhandlungen: https://www.tagesspiegel.de/berlin/liveblog/auf-parteitag-in-berlin-linke-beschliesst-koalitionsverhandlungen-mit-grunen-und-spd-16053722.html
Tagesspiegel – Krach über Eralps Angst vor Hamas-Anhängern (29.10.2026): https://www.tagesspiegel.de/berlin/wegner-uber-eralps-angst-vor-hamas-anhangern-eine-regierung-darf-niemals-ihr-handeln-von-diesen-strukturen-abhangig-machen-16214505.html

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