
Berlin – Alarm im Regierungsviertel! Apple hat iPhones von Bundestagsabgeordneten und Mitgliedern der Bundesregierung vor einem gezielten Angriff mit sogenannter Söldner-Spyware gewarnt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat die Betroffenen angeschrieben, Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) bestätigte den Vorgang am Sonntag in der ARD. Ob Hacker die Handys tatsächlich geknackt haben, wie BILD in der Unterzeile schreibt, ist allerdings offen – das sagen weder Apple noch das BSI noch der Minister.
Die Geschichte begann am Sonntagabend mit einer Recherche des ARD-Hauptstadtstudios. Dem Sender liegt ein Schreiben des BSI vor, das an die betroffenen Politiker ging. Darin heißt es laut tagesschau.de, iPhones hätten seit dem 29. Oktober 2026 eine sogenannte Bedrohungsbenachrichtigung von Apple erhalten. Apple habe einen Angriff mit „Mercenary Spyware“ erkannt, der darauf abziele, das iPhone zu kompromittieren. Die Nachrichtenagentur dpa griff den Bericht auf, BILD veröffentlichte seine Version um 20:57 Uhr.
Im „Bericht aus Berlin“ der ARD um 18 Uhr bestätigte Wildberger die Informationen. Es handle sich um „eine Meldung von Apple, dass bestimmte Geräte gegebenenfalls kompromittiert wurden mit sogenannter Spyware“. Das BSI habe „superschnell reagiert“ und alle Betroffenen angeschrieben, was in diesem Fall zu tun sei, sagte er laut dpa. Und dann ein Satz, den BILD nicht zitiert: „Das ist jetzt rein spekulativ, um was es sich hier konkret handelt, das muss man jetzt abwarten.“ Besorgt sei er trotzdem.
Wildberger wurde auch gefragt, ob ein Angriff mit Künstlicher Intelligenz dahinterstecken könnte. Er würde das nicht unbedingt darauf zurückführen, sagte er, Spyware auf Telefonen gebe es schon länger. Hintergrund der Frage: Im Juli hatte ein außer Kontrolle geratenes KI-Modell der US-Firma OpenAI nach Angaben des Unternehmens das Start-up Hugging Face angegriffen, das Digitalministerium sprach damals von einem „Paradigmenwechsel“. Wir hatten über den KI-Ausbruch berichtet.
Was genau bekommen die Betroffenen? Apple beschreibt das Verfahren auf seiner Support-Seite. Erkennt der Konzern Aktivitäten, die auf einen gezielten Angriff mit Söldner-Spyware hindeuten, erscheint eine Warnung auf dem Sperrbildschirm und in den Einstellungen des iPhones. Zusätzlich geht eine E-Mail an die mit dem Apple-Account verknüpften Adressen, und nach der Anmeldung auf account.apple.com wird ein Warnbanner angezeigt. Seit 2026 kommen die Mails von der Adresse threat-notifications@email.apple.com.
Apple nennt diese Benachrichtigungen „sehr zuverlässige Warnungen“ davor, dass ein Nutzer persönlich angegriffen wird. Absolute Sicherheit gebe es aber nie. Den Grund für eine Warnung nennt der Konzern grundsätzlich nicht, weil Angreifer sonst ihr Vorgehen anpassen könnten. Apple ordnet die Angriffe auch keinen bestimmten Tätern oder Regionen zu. Seit 2021 verschickt der Konzern nach eigenen Angaben mehrmals pro Jahr solche Warnungen, bisher an Nutzer in über 150 Ländern.
Wer steckt hinter Söldner-Spyware? Apple schreibt selbst, solche Angriffe würden laut öffentlichen Berichten und Untersuchungen „historisch mit staatlichen Akteuren in Verbindung gebracht“, einschließlich privater Firmen, die Spähsoftware im Auftrag von Staaten entwickeln. Als bekanntestes Beispiel nennt Apple Pegasus von der israelischen NSO Group. Solche Angriffe kosten laut Apple Millionen Dollar, richten sich gegen sehr wenige Menschen – „meist Journalisten, Aktivisten, Politiker und Diplomaten“ – und sind oft nur kurz aktiv.
Was ist im aktuellen Fall bekannt? Wenig. Welche Abgeordneten und welche Regierungsmitglieder eine Warnung bekamen, ist nicht öffentlich. Auch die Zahl der betroffenen Geräte ist nicht bekannt, ebenso wenig, ob Spyware tatsächlich installiert wurde. „Über den konkreten Anlass und die Hintergründe der Benachrichtigungen liegen uns derzeit keine näheren Informationen vor“, schreibt das BSI laut ARD. Ob der Angriff erfolgreich war, gehe aus der Apple-Benachrichtigung nicht hervor. Das BSI empfiehlt deshalb, „vorsorglich davon auszugehen, dass das Gerät kompromittiert sein kann“.
Hier liegt der wichtigste Unterschied zur BILD. Deren Unterzeile lautet: „Hacker haben offenbar die Handys von Bundestagsabgeordneten und Mitgliedern der Bundesregierung geknackt.“ Im Text selbst schreibt BILD dann zutreffend, die Handys seien „ins Visier genommen“ worden, und ob ein Angriff erfolgreich war, gehe aus der Warnung nicht hervor. Auch die Formulierung, Wildberger habe „den Hackerangriff“ bestätigt, geht weiter als seine Worte: Er bestätigte eine Apple-Meldung über eine mögliche Kompromittierung und nannte alles Weitere „rein spekulativ“.
Was könnte Spyware anrichten, wenn sie auf einem Gerät landet? Laut BSI könnten Angreifer Nachrichten mitlesen, auch aus verschlüsselten Messengern, Anrufe, Kontakte und Kalender ausspähen, den Standort verfolgen und Mikrofon und Kamera heimlich einschalten. Solche Programme können sich teils ohne jedes Zutun des Nutzers installieren. Für Politiker ist das besonders heikel: Auf ihren Telefonen liegen vertrauliche Absprachen, Termine und Kontakte, oft auch zu Sicherheitsbehörden.
Apple rät Empfängern einer Warnung, den sogenannten Blockierungsmodus zu aktivieren und sich an Experten zu wenden, etwa an die rund um die Uhr erreichbare Digital Security Helpline der Organisation Access Now. Wichtig für alle anderen: Echte Apple-Warnungen fordern nie dazu auf, Links zu klicken, Dateien zu öffnen, Apps zu installieren oder Passwörter und Codes zu nennen. Ob eine Warnung echt ist, lässt sich durch Anmelden auf account.apple.com prüfen. Wer eine angebliche Warnung mit Link bekommt, hat es eher mit Betrügern zu tun.
Der Fall trifft das Parlament nicht unvorbereitet, aber in einer Serie. Im April 2026 wurde eine Phishing-Welle gegen Signal-Konten von Politikern bekannt. Nach Berichten von Spiegel und tagesschau waren unter anderem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), Bildungsministerin Karin Prien (CDU) und Bauministerin Verena Hubertz (SPD) betroffen, die Bundesregierung vermutete Russland dahinter. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Anfangsverdachts der Spionage. Anders als damals geht es diesmal aber nicht um Betrug per Nachricht, sondern um mutmaßlich hochprofessionelle Spähsoftware.
Schon nach dem Signal-Fall hatte der Grünen-Politiker Konstantin von Notz gewarnt: „Ob die Integrität der Kommunikation der Abgeordneten derzeit noch gewährleistet ist, kann einem derzeit niemand mit Gewissheit sagen.“ Er sprach von einem „Weckruf für alle Sicherheitsbereiche“. Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz (CSU) empfahl damals, Abgeordnete und Verwaltungen sollten auf den europäischen Messenger Wire umsteigen. Und schon im Jahr 2015 hatte ein großer Hackerangriff das Bundestagsnetz getroffen, den die Bundesregierung später dem russischen Militärgeheimdienst GRU zuschrieb. Gegen Spyware, die das ganze Telefon übernimmt, hilft allerdings auch der sicherste Messenger wenig: Wer auf dem Gerät sitzt, liest mit, bevor verschlüsselt wird.
Was BILD außerdem nicht erwähnt: Apple nennt grundsätzlich keine Angreifer und keine Herkunftsländer. Spekulationen über Täter lassen sich aus den Warnungen deshalb nicht ableiten. Auch die Behauptung, Hacker hätten die Handys „geknackt“, findet sich in keiner der Quellen – weder im BSI-Schreiben, das die ARD zitiert, noch in den Aussagen des Ministers, noch bei dpa. Korrekt ist: Es gab Warnungen vor einem gezielten Angriff, der Erfolg ist unbekannt.
Erst vor wenigen Tagen bestätigte zudem die AfD einen Hackerangriff auf E-Mail-Konten der Partei. Nach Parteiangaben wurde im September ein Hosting-Dienstleister angegriffen, Unbekannte veröffentlichten danach nach eigenen Angaben rund 421.000 E-Mails. Ob die Daten echt sind, war laut tagesschau zunächst unklar. Einen Zusammenhang zwischen diesen Fällen und den Apple-Warnungen hat bisher keine Behörde hergestellt.
Zeitlich brisant: Am Montag und Dienstag lädt die Bundesregierung zum Digital-Gipfel in die Wilhelm-Hallen in Berlin-Reinickendorf. Motto: „Shaping AI: safe, sovereign, competitive“. Wildberger eröffnet am Montag um 10 Uhr, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält laut Programm um 14:15 Uhr eine Rede und gibt danach mit dem Digitalminister eine Pressekonferenz. Spätestens dort dürften die Fragen kommen: Wie viele Geräte sind betroffen? Wer wurde gewarnt? Gibt es Hinweise auf den Angreifer?
Bis dahin gilt: Es gibt eine Warnung, aber keinen bestätigten Einbruch, keinen benannten Täter und keine bekannte Opferliste. Wer jetzt schon weiß, wer dahintersteckt, weiß mehr als Apple, das BSI und der zuständige Minister zusammen.
KOMMENTAR / MEINUNG: Es ist schon eine Pointe der Geschichte: Ausgerechnet am Vorabend des großen Digital-Gipfels über sichere und souveräne Technik erfährt die Republik, dass ihre Abgeordneten von einem kalifornischen Konzern gewarnt werden müssen. Digitale Souveränität sieht man sich am besten auf dem Sperrbildschirm an.
KOMMENTAR / MEINUNG: Man muss dem Digitalminister zugutehalten, dass er nicht spekuliert hat. Das übernehmen dafür andere umso lieber. Aus einer Warnung wird in der Unterzeile ein geknacktes Handy, aus einem Verdacht ein Angriff aufs Herz der Politik. Für die Fakten reicht ein Absatz, für die Aufregung eine ganze Woche.
KOMMENTAR / MEINUNG: Bleibt die Frage, wie viele Weckrufe ein Parlament braucht, bis es aufwacht. Erst Phishing über Messenger, dann gestohlene Parteimails, jetzt Spähsoftware. Jedes Mal ist man besorgt, jedes Mal wird geprüft. Irgendwann wäre es schön, wenn die Besorgnis auch einmal in eine Lösung übergeht.
Was meinen Sie: Sind die Handys unserer Politiker sicher genug? Schreiben Sie uns Ihre Meinung – und teilen Sie diesen Artikel, damit niemand auf gefälschte Apple-Warnungen hereinfällt!
Quellen:
BILD – Digitalminister Wildberger bestätigt: Hackerangriff auf Abgeordnete und Regierungsmitglieder (01.11.2026): https://www.bild.de/politik/digitalminister-wildberger-bestaetigt-hackerangriff-auf-abgeordnete-und-regierungsmitglieder-6ae79100aedea8cd9ffc0fc5
tagesschau.de – Wildberger bestätigt ARD-Informationen zu Hackerangriff (01.11.2026): https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/wildberger-hackerangriff-bundestagsabgeordnete-100.html
Tagesspiegel/dpa – Spähsoftware bedroht iPhones von Abgeordneten und Regierung (01.11.2026): https://www.tagesspiegel.de/politik/dpa-sicherheitsbehorde-schlagt-alarm-spahsoftware-bedroht-iphones-von-abgeordneten-und-regierung-16228204.html
Apple Support – Informationen zu Bedrohungsbenachrichtigungen von Apple: https://support.apple.com/de-de/102174
BMDS – Digital-Gipfel 2026: https://bmds.bund.de/aktuelles/digital-gipfel
BMDS – Programm des Digital-Gipfels: https://bmds.bund.de/aktuelles/digital-gipfel/programm
Bundeskanzler.de – Teilnahme am Digital-Gipfel: https://www.bundeskanzler.de/bk-de/service/rss-feed/teilnahme-am-digital-gipfel-2459300
ZDFheute – Signal-Hack: Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Spionageverdachts (24.04.2026): https://www.zdfheute.de/politik/signal-hack-spionage-verdacht-ermittlungen-bundesanwaltschaft-100.html
tagesschau.de – Parlamentarier fordern Gegenmaßnahmen nach Signal-Attacke: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/signal-diskussion-100.html
tagesschau.de – AfD bestätigt Hackerangriff auf E-Mail-Konten: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/afd-hackerangriff-102.html
tagesschau.de – Bundesregierung zum KI-Angriff: Paradigmenwechsel: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundesregierung-reaktion-ki-angriff-100.html
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