
Kiew/Moskau – Radioaktive Strahlung über Kiew, Chemie-Angriff, Straßenkämpfe, „Oreschnik im Anflug“ – und wenige Stunden später angebliche Atomsprengköpfe auf ganz Russland: In der Nacht zu Montag haben Unbekannte offenbar die offiziellen Warn-Apps beider Kriegsparteien gekapert. Erst schickte die ukrainische App „Luftalarm“ (Powitrjana Trywoha) am Sonntag ab 22:47 Uhr Kiewer Zeit (21:47 Uhr MEZ) eine Serie von Falschalarmen auf die Handys, dann meldete Russlands Katastrophenschutzministerium MTschS eine „massive Cyberattacke“ auf seine eigene App. Beide Seiten sagen: Eine echte Gefahr gab es nie. Wer hinter den Angriffen steckt, ist offiziell nicht belegt.
Der Reihe nach. Laut BBC, die die Push-Meldungen minutengenau dokumentiert hat, löste die ukrainische App gegen 22:47 Uhr Ortszeit zunächst landesweit Luftalarm der roten Stufe aus. Für Kiew folgte die Meldung: „Strahlungsgefahr. In Kiew wurde Strahlungsgefahr ausgerufen.“ Um 22:48 Uhr kam eine Nachricht – auffälligerweise auf Russisch: „Hallo! In der ganzen Ukraine wird es gleich einen Atomalarm geben. Keine Sorge, die Oreschnik fliegt!“ Oreschnik ist der Name einer russischen Mittelstreckenrakete, die konventionelle oder atomare Sprengköpfe tragen kann.
Um 22:49 Uhr folgten zwei weitere Meldungen auf Ukrainisch: „Chemische Gefahr. Es droht ein Chemieangriff auf Kiew. Gehen Sie nicht nach draußen.“ Und: „Gefahr von Straßenkämpfen. In Kiew finden Straßenkämpfe statt. Gehen Sie nicht nach draußen.“ Nach Angaben des Nachrichtendienstes BNO News zeigte die App auch in Charkiw Atom- und Chemiegefahr sowie Straßenkämpfe an, in Saporischschja Straßenkämpfe und Artilleriebeschuss. Um 23:53 Uhr Ortszeit kam dann eine ganze Serie von Entwarnungen – für jede einzelne Falschmeldung separat.
Die Reaktion aus Kiew kam schnell. Die ukrainische Luftwaffe schrieb auf Telegram, die App sei „wahrscheinlich feindlicher Einflussnahme ausgesetzt“ gewesen: „Es gibt keine Strahlungsgefahr! Bewahren Sie Ruhe und verfolgen Sie unsere Mitteilungen auf unserem Kanal!“ Luftwaffensprecher Jurij Ihnat sagte dem Portal RBK-Ukraina, auf den Kanälen der Luftwaffe sei weder vor Oreschnik noch vor Strahlung, Chemie oder Straßenkämpfen gewarnt worden: „Nach unseren Daten wurde die App Luftalarm gehackt.“
Auch das Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation sprach von einer wahrscheinlich kompromittierten App und rief dazu auf, nicht in Panik zu geraten, keine fremden Links anzuklicken und keine ungeprüften Informationen zu verbreiten. Die Kiewer Stadtverwaltung erklärte, die städtische App „Kyiv Digital“ und die Sirenen in der Hauptstadt arbeiteten normal. Der staatliche Katastrophenschutz DSNS meldete gegen Mitternacht, das landesweite Warnsystem funktioniere regulär, alle Signale würden an die Gebietsverwaltungen und die Straßensirenen weitergegeben.
Ganz folgenlos blieb der Spuk aber nicht: Nach BBC-Angaben lösten die Falschalarme im Gebiet Lwiw über Lautsprecheranlagen ein Strahlungs-Warnsignal aus. Die örtlichen Behörden stellten danach klar, dass keine Strahlungsgefahr bestehe. Die Gebietschefin von Winnyzja, Natalja Sabolotna, warnte auf Telegram ausdrücklich davor, den Link in der Nachricht anzuklicken – es könne sich um einen Phishing-Versuch handeln.
Das Team der App bestätigte in der Nacht: „Heute haben Unbefugte unerlaubt in die Arbeit der App eingegriffen. Wir haben die Push-Benachrichtigungen abgeschaltet und die App vorübergehend angehalten.“ Die App speichere keine persönlichen Daten, daher bestehe für die Nutzer keine Gefahr. Gegen zwei Uhr nachts Ortszeit lief der Dienst schrittweise wieder an – zunächst ohne die Anzeige von Luftzielen auf der Karte. Man setze zusätzliche Schutzmaßnahmen um. Wie die Angreifer eindringen konnten, ob über die App selbst oder über ein angebundenes System, hat bislang niemand öffentlich erklärt.
Die App „Luftalarm“ ist für Millionen Ukrainer der wichtigste Begleiter im Kriegsalltag. Sie wurde vom Ministerium für digitale Transformation gemeinsam mit dem Sicherheitstechnik-Unternehmen Ajax Systems entwickelt und meldet Beginn und Ende von Luftalarmen. Der ukrainische Parlamentsabgeordnete Olexander Mereschko, Chef des Auswärtigen Ausschusses, sagte der BBC, Panik habe es nicht gegeben. Die Menschen seien an praktisch pausenlose Alarme gewöhnt, und die Nachricht auf Russisch habe sofort Misstrauen geweckt. Das sei „Teil des Cyberkriegs“.
Wenige Stunden später traf es Russland. Laut einem bei UNN veröffentlichten Screenshot ging um 02:47 Uhr Moskauer Zeit (00:47 Uhr MEZ) eine Meldung an Nutzer im Gebiet Woronesch raus. Ähnliche Texte tauchten laut russischen Medien auch in Udmurtien, in der Oblast Orjol und in Regionalkanälen des Ministeriums auf. Der Inhalt, zitiert nach Kommersant und BBC, gespickt mit Kraftausdrücken: In alle Regionen Russlands seien „Atomsprengköpfe auf Trägern vom Typ P1-SUN“ gestartet worden, man solle sich „dringend Lebensmittel für drei Wochen“ besorgen und sich im Keller verstecken. P1-SUN ist der Name einer ukrainischen Abfangdrohne – der Text war also offenkundig als Spott gemeint.
Das russische Katastrophenschutzministerium MTschS erklärte, die mobile App sei „einer massiven Cyberattacke ausgesetzt“ gewesen, wodurch es den Angreifern gelungen sei, „Falschinformationen an die Bevölkerung“ zu verschicken. Spezialisten beseitigten die Schwachstelle. Wichtig ist dem Ministerium ein Satz: „Das System zur Warnung der Bevölkerung der Russischen Föderation funktioniert im Normalbetrieb. Der Hack der mobilen App hatte und kann keinen Einfluss auf die Arbeit des Warnsystems haben.“ Sirenen, Lautsprecher, SMS, Fernsehen und Radio liefen normal, die App sei nur ein zusätzlicher Hilfsdienst. Die Bürger sollten Ruhe bewahren und nur offiziellen Quellen vertrauen.
Und wer war es? Hier wird es dünn. Die Ukraine macht für den Angriff auf ihre App „den Feind“ verantwortlich. Das Zentrum für strategische Kommunikation verwies auf die russischsprachige Oreschnik-Nachricht. Ein technischer Beweis, wer dahintersteckt, wurde bislang nicht veröffentlicht. Für den Angriff auf die russische App verbreitete die pro-ukrainische Partisanenbewegung Atesch auf Telegram einen angeblichen Screenshot. Laut UNN erklärte Atesch, pro-ukrainische Hacker hätten die App geknackt. Die BBC konnte die Echtheit des Screenshots nicht bestätigen, auch UNN schreibt, eine unabhängige Bestätigung gebe es nicht. Moskau hat bislang niemanden offiziell beschuldigt, das russische Portal Absatz spekuliert über ukrainische Hacker.
Auffällig ist das Timing. Die Falschalarme in der Ukraine kamen laut BBC nur Minuten vor dem Ende einer örtlichen Feuerpause in der Region Cherson, die am Sonntag um 23 Uhr auslief und die Evakuierung von Zivilisten aus der russisch besetzten Stadt Oleschky ermöglichen sollte. Ob die beiden Hacks miteinander zusammenhängen oder ob der zweite eine Antwort auf den ersten war, ist offen.
Der Stanford-Wissenschaftler Herbert Lin, Experte für Cyberpolitik und Sicherheit, nannte den Vorgang in der BBC-Sendung „Newsday“ einen Einschnitt: „Ich denke, es ist das erste Mal, dass das einer offiziellen ukrainischen Informations-App passiert ist, aber ich vermute, dass es nicht das letzte Mal sein wird.“ Lin war früher Mitglied der Kommission des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama (65) zur Verbesserung der nationalen Cybersicherheit.
Was „Bild“ anders darstellt als die Quellen: Die Zeitung schreibt, Russland habe einen massiven Cyberangriff auf „sein eigenes Warnsystem“ gemeldet. Das russische Ministerium betont das Gegenteil: Getroffen worden sei nur die App, das eigentliche Warnsystem mit Sirenen, SMS und Rundfunk sei nicht betroffen gewesen. Dass „in einigen russischen Regionen Warnsirenen ertönten“, konnten wir in keiner unabhängigen Quelle bestätigen – das Ministerium bestreitet Auswirkungen auf die Sirenen. Ein Lautsprecher-Strahlungssignal ist dagegen für das ukrainische Gebiet Lwiw belegt.
Auch die angebliche Warnung vor Chemiewaffen „über die App“ in Russland findet sich in den vorliegenden Quellen nicht. Die Chemie-Warnung ging an Nutzer der ukrainischen App in Kiew, die russische Fake-Meldung handelte von Atomsprengköpfen. Die Aufforderung, keine Links aus den Warnmeldungen anzuklicken, kam ebenfalls von ukrainischer Seite – vom App-Team, vom Katastrophenschutz und aus Winnyzja. Moskau rief dazu auf, nur offiziellen Quellen zu vertrauen. Dass die Webseite des russischen Ministeriums zeitweise nicht erreichbar war, wie „Bild“ schreibt, fanden wir in keiner unabhängigen Quelle bestätigt.
Außerdem lässt „Bild“ weg, dass eine der Falschmeldungen auf Russisch war und die Oreschnik-Rakete nannte, dass auch vor Straßenkämpfen gewarnt wurde und dass die App abgeschaltet und erst in der Nacht schrittweise wieder hochgefahren wurde. Die Bekennung von Atesch fehlt ganz. Das Alter von Herbert Lin, das „Bild“ mit 74 Jahren angibt, konnten wir nicht aus einer offiziellen Quelle bestätigen.
Offen bleiben damit die entscheidenden Fragen: Wie kamen die Angreifer in die Systeme? Wie viele Menschen bekamen die Falschalarme? Und wer steckt wirklich dahinter? Bis Behörden oder unabhängige Sicherheitsforscher belastbare technische Belege vorlegen, gelten alle Schuldzuweisungen als unbewiesen.
KOMMENTAR / MEINUNG: Willkommen im Krieg der Push-Nachrichten. Früher musste man für Panik noch Flugblätter abwerfen, heute reicht offenbar ein Zugang zum Benachrichtigungsserver. Dass ausgerechnet die Apps, die Leben retten sollen, zur Bühne für schlechte Witze über Atomraketen werden, ist ungefähr so beruhigend wie ein Rauchmelder, der zum Spaß Alarm schlägt.
KOMMENTAR / MEINUNG: Bemerkenswert ist die Höflichkeit der Angreifer. Erst wird den Menschen mitgeteilt, sie sollen sich keine Sorgen machen, weil gerade eine Atomrakete fliegt, dann gibt es auf der anderen Seite den freundlichen Einkaufstipp für drei Wochen Kellerproviant. Man fragt sich, ob die Hacker beider Seiten im selben Kurs für Galgenhumor gesessen haben.
KOMMENTAR / MEINUNG: Und natürlich weiß am Ende jeder genau, wer es war – nur Beweise hat keiner. Die eine Seite zeigt auf den Feind, die andere erst mal auf niemanden, und irgendwo verteilt eine Partisanengruppe Screenshots. Für die Menschen in Kiew, Lwiw oder Woronesch bleibt die schlichte Lehre: Wenn das Handy den Weltuntergang meldet, lieber erst aus dem Fenster schauen.
Würden Sie einer Warn-App nach so einem Vorfall noch vertrauen? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in die Kommentare und teilen Sie diesen Artikel!
Quellen:
BILD (Ausgangsartikel): https://www.bild.de/politik/ausland-und-internationales/gefaelschte-alarme-in-kiew-und-moskau-warnapps-in-russland-und-ukraine-gehackt-6ae81d8d5e7018b4bea95515
BBC News: https://www.bbc.com/news/articles/c51kdy1ew7zvo
BBC News Live: https://www.bbc.com/news/live/cm4g1yjxv38gt
BBC Russian: https://www.bbc.com/russian/articles/cmly0r052g53o
Kyiv Independent: https://kyivindependent.com/ukraines-air-raid-alert-system-hacked-air-force-says-as-false-nuclear-chemical-warnings-sound/
The Guardian: https://www.theguardian.com/world/2026/nov/02/ukraine-war-briefing-kyiv-says-air-raid-warning-app-likely-hacked-after-users-receive-false-alerts
NV (Liveticker): https://nv.ua/ukr/ukraine/events/dodatok-povitryana-trivoga-ymovirno-bulo-zlamano-radiaciynoji-zagrozi-v-ukrajini-nemaye-povitryani-sili-zsu-50655333.html
RBK-Ukraina: https://www.rbc.ua/rus/news/povitryanih-silah-pidtverdili-zlam-dodatku-1793569071.html
Interfax-Ukraine: https://interfax.com.ua/news/general/1229391.html
UNN: https://unn.ua/ru/news/posle-feikovikh-trevog-v-ukraine-kto-to-vzlomal-rossiiskoe-prilozhenie-mchs-i-obyavil-ob-ugroze-yadernogo-udara-po-rf-atesh
TASS: https://tass.com/emergencies/2211609
RIA Nowosti: https://ria.ru/20261102/mchs-2128519166.html
Kommersant: https://www.kommersant.ru/doc/9078698
Vedomosti: https://www.vedomosti.ru/technology/news/2026/11/02/1241911-mchs-kiberatake
Absatz: https://absatz.media/proisshestviya/190067-ugroza-dvizhuhi-kto-vzlomal-prilozhenie-mchs-chto-v-soobshenii-gde-smotret-oficialnuyu-informaciyu
MTschS Kusbass (Mitteilung): https://42.mchs.gov.ru/deyatelnost/press-centr/novosti/5851610
NHK World: https://www3.nhk.or.jp/nhkworld/news/20261102de69519/
Bitte Telegram-Kanal folgen https://t.me/pressecop24

Schreibe einen Kommentar