BULGARIEN-WAHL: JOTOWA SIEGT – RÜCKT SOFIA NÄHER AN MOSKAU?

Symbolfoto: Ein Wahlzettel wird in eine transparente Wahlurne gesteckt, daneben eine kleine bulgarische Flagge, im unscharfen Hintergrund ein Kuppelgebäude im Abendlicht. Dazu in weißer Schrift auf blauem Feld die Schlagzeile „Bulgarien-Wahl: Jotowa siegt – rückt Sofia näher an Moskau?“
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Sofia – Klare Sache in der Stichwahl: Bulgariens amtierende Präsidentin Ilijana Jotowa (62, in der BILD „Yotova“ geschrieben) hat nach Nachwahlbefragungen, Parallelzählungen und ersten Zahlen der Zentralen Wahlkommission (ZIK) die Präsidentschaftswahl gewonnen. Sie lag am Sonntagabend bei rund 58 Prozent, ihr pro-westlicher Herausforderer Andrej Gjurow bei rund 39 Prozent. Das amtliche Ergebnis steht noch aus. BILD titelt: „Bulgarien rückt an Russland heran“. Doch so einfach ist es nicht: Jotowa ist schon seit Januar im Amt, und die eigentliche Machtverschiebung in Sofia gab es bereits im April.

Die Wahllokale schlossen um 20 Uhr Ortszeit, also um 19 Uhr deutscher Zeit. Erste Nachwahlbefragungen sahen Jotowa und ihren Vize-Kandidaten Kiril Waltschew noch deutlich knapper vorn: Das Institut Mjara meldete laut Bulgarischem Nationalen Rundfunk (BNR) 51,0 Prozent für Jotowa und 44,7 Prozent für Gjurow und seinen Partner Georgi Kandew, Alpha Research 52,5 zu 43,3 Prozent. Die Parallelzählungen derselben Institute fielen später klarer aus: Alpha Research kam bei vollständiger Stichprobe auf 57,4 zu 39,6 Prozent, Mjara auf 58,2 zu 38,6 Prozent, das Institut Trend laut Anadolu auf 58,1 zu 38,9 Prozent.

Die Zentrale Wahlkommission ZIK veröffentlichte um 23 Uhr Ortszeit, also 22 Uhr deutscher Zeit, erste amtliche Zahlen. Bei 17,39 Prozent ausgezählten Protokollen lag Jotowa bei 57,943 Prozent oder 182.002 Stimmen, Gjurow bei 39,007 Prozent oder 122.522 Stimmen. 3,050 Prozent kreuzten „Ich unterstütze niemanden“ an – das geht auf bulgarischen Stimmzetteln. Das Endergebnis soll laut Reuters und AP am Montag kommen. Die neue Amtszeit beträgt fünf Jahre und beginnt im Januar 2027.

Die Wahlbeteiligung war erneut mager. Die Institute schätzten sie auf rund 27 bis 29 Prozent. Im ersten Wahlgang am 25. Oktober waren laut Wahlbehörden nur rund 23 Prozent der Berechtigten an die Urnen gegangen, ein historischer Tiefstwert. Damals lag Jotowa laut amtlichem ZIK-Ergebnis mit 34,76 Prozent nur knapp vor Gjurow mit 31,95 Prozent, der Abstand betrug 42.719 Stimmen. Insgesamt waren 27 Kandidatenpaare angetreten.

Wer ist die Siegerin? Jotowa, geboren am 24. Oktober 1964, war Journalistin, Pressechefin der Sozialistischen Partei BSP, Abgeordnete im bulgarischen Parlament und ab 2007 im Europaparlament. Ab 2017 war sie Vizepräsidentin an der Seite von Rumen Radew. Als Radew im Januar 2026 zurücktrat, um bei der Parlamentswahl anzutreten, rückte sie automatisch ins Präsidentenamt auf. Formal trat sie diesmal als Unabhängige für ein Initiativkomitee an, unterstützt von Radews Partei „Progressives Bulgarien“ und der BSP. Laut AP wäre sie nach Bestätigung des Ergebnisses die erste vom Volk gewählte Staatschefin Bulgariens. Das stimmt mit der BILD überein – nur ist sie eben keine „neue“ Präsidentin, sondern die Amtsinhaberin, die jetzt ein eigenes Mandat bekommt.

Ihr Gegner Gjurow, laut Reuters 50 Jahre alt, ist Ökonom, früher Vizechef der Notenbank und war Anfang des Jahres Übergangs-Ministerpräsident. In dieser Zeit unterzeichnete er ein Sicherheitsabkommen mit der Ukraine. Unterstützt wurde er von pro-westlichen Reformparteien, laut Reuters sprach sich auch Ex-Regierungschef Bojko Borissow für ihn aus. Nach seiner Stimmabgabe sagte er, er habe „für ein sicheres, stabiles und europäisches Bulgarien“ gestimmt. Laut Jotowa rief er sie nach der Wahl an und gratulierte.

Jetzt zur großen Frage: Rückt Bulgarien an Russland heran? Fest steht: Jotowa gilt in internationalen Medien als moskaufreundlich. Sie lehnt Militärhilfe für die Ukraine ab, warb im Wahlkampf für einen Dialog mit Russland und für eine „Koalition für den Frieden“ statt einer Beteiligung an der europäischen „Koalition der Willigen“. In einer Rede kritisierte sie laut bulgarischen Medien die „ausgeschütteten Milliarden“ der EU für die Ukraine. In einem Interview auf der Präsidialamts-Website stellte sie sich hinter Radews Drohung mit einem Veto, falls der russische Patriarch Kirill auf eine EU-Sanktionsliste kommt.

Gleichzeitig befürwortet Jotowa die Mitgliedschaft Bulgariens in EU und Nato. Nach der Stimmabgabe sagte sie laut Reuters, sie habe dafür gestimmt, dass Bulgarien „ein starker Staat in einem starken Europa“ sei, aber eine eigene Außenpolitik habe. BILD schreibt, sie werbe für „ein Ende der Sanktionen“. AP und DW formulieren vorsichtiger: Es werde erwartet, dass sie wie Radew bessere Beziehungen zu Russland und eine Aufhebung der Sanktionen unterstütze. Eine eigene klare Forderung Jotowas nach einem kompletten Sanktionsende haben wir in den geprüften Quellen nicht gefunden.

Wichtig für die Einordnung: Das Präsidentenamt in Bulgarien hat begrenzte Macht. Reuters spricht von einer „weitgehend zeremoniellen“ Rolle. Die Präsidentin ist Oberbefehlshaberin der Streitkräfte, setzt Wahltermine fest, ernennt bei Bedarf Übergangsregierungen, entscheidet über Begnadigungen und Einbürgerungen und hat ein begrenztes Vetorecht gegen Gesetze. Die Außen- und Sanktionspolitik macht aber die Regierung.

Und die Regierung führt seit Mai ohnehin Rumen Radew. Seine Partei „Progressives Bulgarien“ gewann die vorgezogene Parlamentswahl am 19. April und hat laut Nachrichtenagentur BTA eine absolute Mehrheit von 131 der 240 Sitze. Am 8. Mai wählte das Parlament Radew mit 124 Stimmen zum Ministerpräsidenten. AP nennt seine Partei „moskaufreundlich“. Zuvor war in Sofia die Regierung im Dezember geschlossen zurückgetreten. Wenn Bulgarien also an Russland „heranrückt“, dann ist das keine Wende vom Sonntag, sondern eine Fortsetzung. Neu ist: Präsidentenamt und Regierungsmehrheit liegen jetzt dauerhaft im selben Lager. Beobachter warnen laut AP, dass dadurch die gegenseitige Kontrolle der Institutionen leiden könnte.

Radew selbst feierte den Sieg im Fernsehen: „Heute haben die Bulgaren die Zukunft statt der Vergangenheit gewählt. Sie haben Frieden, Stabilität, Normalität gewählt“, zitiert ihn die Sofia Globe. Das Ergebnis bestätige den Kurs seiner Regierung. Jotowas erste Worte nach den Zahlen laut Sofia Globe: „Herr Radew, ohne Sie hätte ich es nicht geschafft.“ Sie dankte auch denen, die nicht für sie gestimmt hatten, und kündigte an, deren Sorgen ernst zu nehmen. Gjurow sagte, nichts sei umsonst gewesen, jetzt müsse die Gesellschaft „Einheit statt Spaltung“ suchen.

Überschattet wurde die Wahl von Drohnenangriffen auf Handelsschiffe vor Bulgariens Schwarzmeerküste. Am 6. Oktober sank der Frachter „Alfa Watan“, laut BBC gelten alle zehn Besatzungsmitglieder als tot. Am 13. Oktober sank die „HS Dignity“ vor dem Dorf Krapez, nach Angaben des Verkehrsministeriums blieben zehn Seeleute vermisst. Laut Reuters sank am vergangenen Mittwoch zudem ein griechisches Containerschiff nach einem Angriff mit Seedrohnen. Insgesamt werden laut Reuters rund zwei Dutzend Seeleute für tot gehalten. BILD schreibt nur von „mehreren Seeleuten“.

BILD behauptet außerdem, Jotowa und Regierungschef Radew blieben bei einer möglichen russischen Beteiligung „auffällig vage“. Das ist nur die halbe Wahrheit. Ähnlich formuliert zwar auch AP, und Kritiker wie Gjurow warfen Jotowa im TV-Duell vor, Russland nicht beim Namen zu nennen. Aber: Radew bestellte nach dem Angriff vom 13. Oktober die russische Botschafterin Eleonora Mitrofanowa ein. Es gebe keine eindeutigen Beweise, sagte er laut BBC und Politico, aber „die Logik legt nahe, dass das Ergebnis der Russischen Föderation nützt“. Die Botschafterin sagte, sie habe keine Informationen aus dem russischen Verteidigungsministerium, und sprach von einer möglichen Provokation durch Dritte.

Jotowa schlug im einzigen TV-Duell ein Treffen der Schwarzmeer-Anrainer vor, um ein Moratorium für Angriffe auf Handelsschiffe zu vereinbaren. „Man kann Russland dabei nicht außen vor lassen“, sagte sie laut BurgasMedia. Gjurow konterte: „Ein Wunsch nach einem Moratorium ist keine Verteidigungsstrategie, Schweigen ist keine Verteidigung.“ Er forderte Mittel gegen Drohnen und einen Raketenschutzschirm.

Und BILDs großer Bogen? „Während Moskaus Verbündete in Europa reihenweise die Macht verlieren“, schreibt das Blatt und nennt Ungarn und Serbien. Die Fakten dazu stimmen: In Ungarn verlor Viktor Orbán nach 16 Jahren die Parlamentswahl am 12. April, Péter Magyar wurde am 9. Mai vereidigt. In Serbien gewann laut BBC die Studentenliste die Parlamentswahl am 25. Oktober mit rund 52,7 Prozent, Aleksandar Vučić gestand die Niederlage ein, seine SNS war seit 2012 an der Macht. Die Zeile „Über diese Wahl freut sich Putin“ ist dagegen eine Vermutung der BILD. Eine Reaktion des Kreml lag am Sonntagabend nach unserer Recherche nicht vor.

Kurios: Bulgarische Medien wie Novini.bg griffen die BILD-Schlagzeile noch am Abend auf. Für Bulgarien selbst ist sie allerdings keine Neuigkeit. Das Land ist seit 2004 in der Nato und seit Jahresbeginn im Euro – die Euro-Einführung sorgte schon damals für Debatten. An der Mitgliedschaft in EU und Nato will auch die Siegerin nichts ändern.

Was bleibt offen? Das amtliche Endergebnis der ZIK, die genaue Wahlbeteiligung, und vor allem, wie Jotowa ihr neues Mandat nutzt: als stille Unterstützerin der Regierung Radew oder mit eigener Linie in der Außenpolitik. Klar ist nur: Wer in Sofia künftig über Russland, die Ukraine und das Schwarze Meer redet, redet mit einem Lager, das Präsidentenamt und Parlamentsmehrheit zugleich hält.

KOMMENTAR / MEINUNG: Schön, wenn eine Schlagzeile schon vor dem Endergebnis weiß, worüber sich der Kreml freut. Moskau selbst hat sich am Wahlabend noch nicht geäußert, aber warum warten, wenn man es auch gleich in die Dachzeile schreiben kann?

KOMMENTAR / MEINUNG: Die eigentliche Siegerin dieser Wahl heißt allerdings Couch. Wenn nicht einmal ein Drittel der Bürger zur Urne geht, entscheidet am Ende eine Minderheit über das höchste Staatsamt – und die Mehrheit über gar nichts. Demokratie im Energiesparmodus.

KOMMENTAR / MEINUNG: Und die Regierung? Die bestellt die russische Botschafterin ein, sagt, die Logik spreche gegen Moskau, will aber Moskau gleichzeitig an einen Friedenstisch holen. Man nennt das wohl strategische Ambivalenz. Die Seeleute im Schwarzen Meer hätten sich vermutlich eher klare Worte gewünscht.

Was meinen Sie: Rückt Bulgarien wirklich an Russland heran – oder ist das nur eine Schlagzeile? Schreiben Sie uns Ihre Meinung und teilen Sie diesen Artikel!

Quellen:
BILD – Iliana Yotova vorn: Bulgarien rückt an Russland heran (01.11.2026): https://www.bild.de/politik/ausland-und-internationales/iliana-yotova-vorn-bulgarien-rueckt-an-russland-heran-6ae7833d5e7018b4bea9507d
Zentrale Wahlkommission ZIK – Ergebnisse zweiter Wahlgang: https://results.cik.bg/pvr202610/tur2/rezultati/index.html
Zentrale Wahlkommission ZIK – Ergebnisse erster Wahlgang: https://results.cik.bg/pvr202610/tur1/rezultati/index.html
24 Tschasa – Erste ZIK-Ergebnisse bei 17,39 Prozent: https://www.24chasa.bg/bulgaria/article/23848699
24 Tschasa – ZIK-Endergebnis erster Wahlgang: https://www.24chasa.bg/bulgaria/article/23817291
Radio Bulgarien (BNR) – Exit Poll: Ilijana Jotowa ist Bulgariens neue Präsidentin: https://bnrnews.bg/de/post/551595/exit-poll-ilijana-jotowa-ist-bulgariens-neue-prasidentin
BNR Horizont – Parallelzählung Alpha Research: https://bnrnews.bg/horizont/post/551766/paralelno-prebroyavane-na-alfa-risarch-100percent-yotova-574percent-gyurov-396percent
BNT – Parallelzählung Mjara: https://bntnews.bg/news/paralelno-prebroyavane-na-100-myara-iliyana-yotova-pecheli-balotazha-s-582-andrei-gyurov-e-poluchil-386-podkrepa-1420079news.html
Anadolu – Bulgaria’s Yotova on track to win presidential runoff: https://www.aa.com.tr/en/europe/bulgaria-s-yotova-on-track-to-win-presidential-runoff-in-exit-polls/4108180
Reuters (via Devdiscourse) – Bulgaria’s acting President Iotova takes lead in runoff: https://www.devdiscourse.com/article/international/4000354-bulgarias-acting-president-iotova-takes-lead-in-presidential-runoff-vote-exit-polls-show
AP (via NBC News) – Bulgarians vote in a presidential runoff: https://www.nbcnews.com/world/europe/bulgarians-vote-presidential-runoff-marked-regional-security-threats-rcna606781
AP – Exit polls suggest that Yotova wins runoff: https://apnews.com/article/bulgaria-president-runoff-yotova-gyrov-radev-russia-cc540e5540a7a268da15aa72c5ec033e
DW – Bulgaria votes in closely contested presidential runoff: https://www.dw.com/en/bulgarians-vote-in-highly-polarized-presidential-runoff-overshadowed-by-ukraine-war/a-79820449
The Sofia Globe – Radev and Yotova in triumphalist messages: https://sofiaglobe.com/2026/11/01/bulgarias-2026-presidential-elections-radev-and-yotova-in-triumphalist-messages-as-the-finale-shows-a-win-for-the-pro-russian-candidate/
Novinite – Yotova and Radev Hail Election Result: https://www.novinite.com/articles/241386/Yotova+and+Radev+Hail+Election+Result+as+Mandate+for+More+Reforms
BTA – Parliament Elects Rumen Radev as Prime Minister: https://www.bta.bg/en/news/bulgaria/1121595-parliament-elects-rumen-radev-as-prime-minister
BTA – Bilanz der ersten Parlamentssession: https://www.bta.bg/bg/news/bulgaria/1177467-parvata-sesiya-na-ns-palno-mnozinstvo-na-progresivna-balgariya-byudzhet-za-
Präsidialamt Bulgarien – Interview Jotowa bei bTV: https://www.president.bg/interviews-president9025/intervyu-na-prezidenta-iliyana-yotova-za-predavaneto-120-minuti-na-btv.html&lang=bg
Swobodna Totschka – Jotowa kritisiert EU-Milliarden für Ukraine: https://svobodnatochka.bg/novini/yotova-ukrayna-evropa-izsipani-miliardi-rusiya-diplomatsiya-pregovori-rech/
BurgasMedia – Yotova and Gyurov clash in their only debate: https://burgasmedia.com/news/yotova-i-gyurov-sporiha-za-cherno-more-ukrayna-i-botash-v-edinstveniya-debat?lang=en
BBC – Bulgarian PM summons Russian ambassador after ship sinks: https://www.bbc.com/news/articles/cmn06w5x9g25o
Politico – Drone attack sinks ship off Bulgarian coast: https://www.politico.com/news/2026/10/13/drone-attack-sinks-ship-near-bulgaria-as-radev-summons-russian-ambassador
BBC – Vučić concedes election to student-led movement: https://www.bbc.com/news/articles/cw5yn3xlprpmo
tagesschau.de – Magyar als neuer Ministerpräsident in Ungarn vereidigt: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ungarn-parlament-vereidigung-100.html
dts/AD HOC NEWS – Jotowa gewinnt Stichwahl mit knapp 58 Prozent: https://www.ad-hoc-news.de/politik/bulgarien-jotowa-gewinnt-stichwahl-mit-knapp-58-prozent/70442516
Novini.bg – „Bild“ nach dem Sieg von Ilijana Jotowa: https://novini.bg/article/2026110121205257320

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