JF-KOMMENTAR ZU DEN FRANKFURT-KRAWALLEN: DIE ZAHLEN IM FAKTEN-CHECK

Symbolfoto: Zusammengefaltete Zeitung und Kaffeetasse auf einem Cafétisch, hinter der Scheibe eine nächtliche Einkaufsstraße mit unscharfem Blaulicht und Glasscherben, darüber in weißer Schrift auf blauem Feld die Schlagzeile „JF-Kommentar zu den Frankfurt-Krawallen: Die Zahlen im Fakten-Check“
Symbolfoto – Bild KI-generiert

Frankfurt am Main – „Nur ein kleiner Vorgeschmack“: Unter dieser Überschrift kommentiert die Junge Freiheit die Krawallnacht von Frankfurt. Autor Henning Hoffgaard sieht in den Plünderungen die Folge von Masseneinwanderung und stützt seine These auf eine Reihe von Zahlen – zum Migrationsanteil in Frankfurt, zu Polen, Marokko, Afghanen und Berlin. Wir haben jede dieser Zahlen mit Polizei, Ministerien und amtlicher Statistik abgeglichen. Ergebnis: Manches stimmt, einiges ist zugespitzt, mehrere Angaben sind falsch wiedergegeben – und die entscheidenden Polizeiangaben zu den Festgenommenen kannte der Autor beim Schreiben noch gar nicht.

Zunächst zur Einordnung: Der Text ist ein Kommentar, also eine Meinungsäußerung, keine Nachricht. Erschienen ist er am Sonntag um 10:20 Uhr auf der Internetseite der Wochenzeitung. Die Pressekonferenz von Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU), Polizeipräsident Stefan Müller und Einsatzleiter Erik Hessenmüller begann erst um 13 Uhr. Was in der Nacht zum Sonntag in Frankfurt geschah, haben wir in unserem Bericht über die Nacht der Schande beschrieben, die bundesweite Lage in unserer Horror-Nacht-Bilanz. Hier geht es um die Frage, ob die Zahlen tragen, mit denen der Kommentar seine Deutung begründet.

Die Kernthese lautet: In kaum einer Stadt sei der Migrantenanteil so hoch wie in Frankfurt, in keiner sei so heftig geplündert worden – „Das ist kein Zufall.“ Fast 75 Prozent der unter 18-Jährigen hätten, wie die Stadt selbst schreibe, einen Migrationshintergrund. Die Größenordnung stimmt. Im Frankfurter Integrations- und Diversitätsbericht nennt die Stadt für Ende 2019 rund 70 Prozent bei den Unter-18-Jährigen und spricht von einem Spitzenwert unter deutschen Großstädten. Seitdem ist der Anteil in der Gesamtbevölkerung weiter gestiegen, laut Stadt auf 57 Prozent Ende 2023. Eine aktuelle Zahl von „fast 75 Prozent“ bei Minderjährigen konnten wir in den frei abrufbaren städtischen Veröffentlichungen nicht direkt prüfen, unplausibel ist sie nicht.

Was der Kommentar weglässt: Migrationshintergrund heißt nicht Ausländer und schon gar nicht Zuwanderer. Bei Kindern zählt die Stadt bereits dann einen Migrationshintergrund, wenn ein Elternteil im Ausland geboren ist. Ende 2024 lebten 130.278 Unter-18-Jährige in Frankfurt. Einen ausländischen Pass hatten Mitte 2025 laut städtischer Statistik 29.358 Minderjährige. Die große Mehrheit der Frankfurter Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind also Deutsche, viele davon hier geboren. Dass Frankfurt die heftigsten Ausschreitungen erlebte, deckt sich dagegen mit den Bilanzen: Die Polizei zählte dort rund 100 verletzte Beamte und fünf geplünderte Geschäfte, in Berlin waren es laut Polizei 27 leicht verletzte Beamte.

Der zweite Punkt betrifft die Täter. Der Kommentar spricht davon, man habe „massenhaft Personen aus afrikanischen und arabischen Ländern ins Land“ geschleust, und beschreibt den „Mob“ als Menschen, die nichts mit Deutschland verbinde. Auf Nachfrage eines Lesers stellte der Autor im Kommentarbereich klar, sein Satz über das Aussehen beziehe sich auf die Länder, nicht auf Menschen. Was die Behörden drei Stunden nach Erscheinen des Kommentars mitteilten, passt zu der Zuwanderungs-These nur teilweise. Die Polizei nahm 54 Personen im Alter von 13 bis 29 Jahren fest. „Sie haben jedenfalls überwiegend die deutsche Staatsangehörigkeit“, sagte Poseck laut FAZ. Unter den Festgenommenen seien Frankfurter, Menschen aus anderen Teilen Hessens und aus Nordrhein-Westfalen, so Polizeipräsident Müller laut hessenschau.

Zugleich bestätigten die Behörden einen Teil der Beobachtung. Die Gruppe von schätzungsweise 1.000 bis 1.500 Störern sei „überwiegend migrantisch geprägt“ gewesen, sagte Poseck. Bei den nächtlichen Randalierern handele es sich nach Einschätzung der Polizei vor allem um junge Männer mit Migrationshintergrund aus Gruppen, die sich regelmäßig an Wochenenden in der Innenstadt treffen und bislang als „erlebnisorientiert“ galten. Ein politisches Motiv sei bei ihnen nicht erkennbar. Davon trennt die Polizei eine kleinere Gruppe, die schon gegen Ende der Demonstration gewalttätig wurde – Poseck hatte zuvor von ungefähr 100 linksextremistischen Gewalttätern gesprochen. Die ausführliche Bilanz der Pressekonferenz steht in unserem Bericht zur Frankfurter Krawall-Bilanz. Diese zweite Tätergruppe kommt im JF-Kommentar nicht vor. Für alle Festgenommenen gilt die Unschuldsvermutung.

Dritter Punkt: Polen. „Mittlerweile verlassen mehr Polen das Land, als einwandern“, schreibt der Kommentar. Das stimmt. Laut Statistischem Bundesamt zogen 2025 rund 61.600 polnische Staatsangehörige nach Deutschland und rund 76.400 fort, der Saldo lag bei minus 14.856, im Jahr davor bei minus 12.068. Der zitierte Euronews-Artikel „Polen wird zum Magneten für deutsche Auswanderer“ existiert, erschienen im Juni. Allerdings ist Polen kein Sonderfall: Auch bei Bulgaren, Kroaten, Rumänen, Griechen und Ungarn zogen 2025 mehr Menschen weg als zu, bei deutschen Staatsangehörigen sogar rund 96.700 mehr. Euronews nennt als Gründe vor allem Polens starkes Wirtschaftswachstum, das niedrigere Preisniveau und neue Investitionen internationaler Firmen – von der Migrationspolitik ist in dem Artikel keine Rede.

Vierter Punkt: Eine „Migrationswende“ gebe es nicht, der Familiennachzug „floriert“. Hier widersprechen die amtlichen Zahlen. Die Nettozuwanderung nach Deutschland sank laut Statistischem Bundesamt von rund 663.000 im Jahr 2023 auf 430.183 im Jahr 2024 und auf 235.000 im Jahr 2025. Der Familiennachzug zu subsidiär Schutzberechtigten ist laut Auswärtigem Amt seit dem 24. Juli 2025 bis einschließlich 23. Juli 2027 ausgesetzt, Ausnahmen gibt es nur für Härtefälle. Familiennachzug zu anerkannten Flüchtlingen, zu Fachkräften oder zu Deutschen läuft weiter. Ob man das eine Wende nennt, ist eine politische Bewertung. Dass sich nichts geändert habe, geben die Zahlen nicht her.

Fünfter Punkt: Deutschland habe „jüngst“ ein „Fachkräfte-Abkommen“ mit Marokko geschlossen. Tatsächlich vereinbarten Deutschland und Marokko am 24. Januar 2024, noch unter Innenministerin Nancy Faeser (SPD), eine Migrationspartnerschaft. Sie umfasst nicht nur Fachkräfte-Anwerbung, sondern ausdrücklich auch die Rückführung marokkanischer Staatsangehöriger ohne Bleiberecht. Im April 2026 bekräftigte Außenminister Johann Wadephul (CDU) in Rabat laut gemeinsamer Erklärung beides. Ein neues Abkommen haben wir nicht gefunden. Die Behauptung, marokkanische Einwanderer träten „laut BKA-Studien besonders krass kriminell“ auf, bezieht sich offenbar auf das BKA-Lagebild zur Zuwanderung. Dort stellten Menschen aus Algerien, Marokko und Tunesien 2024 nur 0,5 Prozent der Zuwanderer, aber 9,1 Prozent der tatverdächtigen Zuwanderer. Das Lagebild erfasst allerdings nur Asylsuchende, Schutzberechtigte, Geduldete und Ausreisepflichtige – nicht angeworbene Fachkräfte, um die es bei der Partnerschaft geht.

Sechster Punkt: „In Berlin leben mehr Ausländer als in ganz China.“ Das hängt von der Zählweise ab. Bei Chinas Volkszählung 2020 wurden 845.697 Ausländer auf dem Festland gezählt. Das Berliner Amt für Statistik nennt für Ende 2025 genau 833.213 Einwohner ohne deutschen Pass – also etwas weniger. Nach dem Melderegister sind es dagegen 976.419. Eindeutig richtig ist der Satz also nicht, und er vergleicht Zahlen aus unterschiedlichen Jahren.

Siebter Punkt, und hier liegt der größte Fehler: Zwischen 2015 und 2024 habe die Polizei „108.409 schwere Straftaten“ registriert, an denen mindestens ein afghanischer Tatverdächtiger beteiligt war, statistisch komme es zu „38 Körperverletzungen am Tag durch Afghanen“. Die Zahl stammt aus einer Antwort der Bundesregierung vom 8. September 2025 auf eine Frage des AfD-Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Gezählt sind darin aber keine Straftaten, sondern Opfer – Opfer vollendeter Fälle von Mord, Vergewaltigung und Körperverletzung, bei denen mindestens ein afghanischer Tatverdächtiger ermittelt wurde. Die Summe ergibt 108.409, davon 105.666 Opfer von Körperverletzung, 2.691 Opfer von Vergewaltigung und 52 Mordopfer. Unter den abgefragten Schlüssel fallen auch einfache und sogar fahrlässige Körperverletzung, „schwer“ ist also längst nicht jede dieser Taten.

Auch die „38 Körperverletzungen am Tag“ sind eine Umrechnung dieser Opferzahl: 13.775 Opfer im Jahr 2024, geteilt durch die Tage des Jahres, ergeben rund 38. Jedes einzelne dieser Opfer ist eines zu viel. Aber es sind Opfer in Fällen mit Tatverdächtigen, keine verurteilten Taten. Die Zahl sagt nichts darüber aus, ob jemand aus Afghanistan an den Frankfurter Krawallen beteiligt war – dazu haben die Behörden keine Angaben gemacht.

Was bleibt? Der Kommentar enthält neben Zahlen vor allem Meinung: Thesen über einen angeblichen Austausch der Bevölkerung als „neues Wahlvolk“, über „ethnisch homogene“ Staaten, die friedlicher seien, und abwertende Pauschalurteile über ganze Bevölkerungsgruppen, die wir hier nicht wiederholen. Belege dafür nennt der Text nicht. Die Behörden selbst ziehen nach der Nacht durchaus Konsequenzen: Poseck kündigte an, stärker gegen Strukturen „gewaltbereiter Menschen mit Migrationshintergrund“ vorzugehen, es dürfe „keine falschen Tabus“ geben. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) sagte dagegen: „Mir ist völlig egal, welchen Pass jemand hat oder wo seine Eltern geboren sind.“ Wer Gewalt ausübe, müsse die Konsequenzen tragen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte bereits am Vormittag von Chaoten aus dem migrantischen Milieu gesprochen – wie belastbar das war, haben wir im Dobrindt-Faktencheck geprüft.

KOMMENTAR / MEINUNG: Es ist schon praktisch, wenn man die Deutung einer Krawallnacht fertig hat, bevor die Polizei ihre Zahlen auf den Tisch legt. Dann muss man sich wenigstens nicht mit der lästigen Frage aufhalten, warum die meisten Festgenommenen einen deutschen Pass haben. Fakten sind eben manchmal so unhöflich und kommen zu spät.

KOMMENTAR / MEINUNG: Dass es in Frankfurt ein Problem mit gewaltbereiten Jugendgruppen gibt, sagt inzwischen sogar der Innenminister – laut und auf einer Pressekonferenz. Gerade deshalb würde man sich wünschen, dass Statistiken nicht so lange gedreht werden, bis aus Opfern Straftaten, aus Partnerschaften Abkommen und aus Kindern mit deutschem Pass eingeschleuste Fremde werden.

KOMMENTAR / MEINUNG: Plünderer gehören vor Gericht, egal woher ihre Eltern kommen. Das ist keine naive Haltung, sondern Rechtsstaat. Wer dagegen ganze Gruppen für die Taten einzelner haftbar macht, liefert am Ende nur das nächste Feuerchen – und das löscht dann wieder die Polizei.

Lesen Sie Kommentare als das, was sie sind – Meinung. Prüfen Sie die Zahlen, bevor Sie sie teilen, und schreiben Sie uns, wenn Sie in Frankfurt Zeuge der Ausschreitungen geworden sind!

Quellen:
Junge Freiheit – Henning Hoffgaard: Plünderungen und Krawalle: Nur ein kleiner Vorgeschmack (Kommentar, 01.11.2026, 10:20 Uhr): https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2026/nur-ein-kleiner-vorgeschmack/
hessenschau – Polizei zieht Bilanz: 100 verletzte Polizisten und 54 Festnahmen bei Krawallen in Frankfurt: https://www.hessenschau.de/panorama/polizei-zieht-bilanz-100-verletzte-polizisten-und-54-festnahmen-bei-krawallen-in-frankfurt-v1,bilanz-frankfurt-100.html
tagesschau.de/hr – Pressekonferenz mit Innenminister und Polizei (Video): https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-krawalle-in-frankfurt-pressekonferenz-von-innenminister-polizei-und-oberbuergermeister-100.html
FAZ – Liveticker Gen-Z-Proteste: Poseck: Mehr als 100 verletzte Polizisten in Frankfurt: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/liveticker-gen-z-proteste-poseck-mehr-als-100-verletzte-polizisten-in-frankfurt-faz-201635936.html
Stadt Frankfurt – Integrations- und Diversitätsbericht 2021: https://amka.de/sites/default/files/2023-07/AmkA_Integrations-_u_Diversitaetsbericht_2021.pdf
Frankfurt Statistik aktuell – Bevölkerung Ende 2023 (Migrationshintergrund 57 Prozent): https://statistikportal.frankfurt.de/download/FSA/2024/FSA_2024_04_Bev%C3%B6lkerung_Ende2023.pdf
Frankfurt Statistik aktuell – Bevölkerung Ende 2024: https://statistikportal.frankfurt.de/statistik_aktuell/2025/FSA_2025_04_BevoelkerungEnde2024.html
Frankfurt Statistik aktuell – Ausländer im ersten Halbjahr 2025: https://statistikportal.frankfurt.de/statistik_aktuell/2025/FSA_2025_14.html
Statistisches Bundesamt – Migration across Germany’s borders, by selected citizenships: https://www.destatis.de/EN/Themes/Society-Environment/Population/Migration/Tables/migration-year-02.html
Euronews – Polen wird zum Magneten für deutsche Auswanderer (16.06.2026): https://de.euronews.com/2026/06/16/polen-wird-zum-magneten-fur-deutsche-auswanderer
Auswärtiges Amt – Aussetzung des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten: https://www.auswaertiges-amt.de/de/2727950-2727950
GTAI – Fachkräfteanwerbung aus Marokko: https://www.gtai.de/de/trade/marokko/wirtschaftsumfeld/fachkraefteanwerbung-aus-marokko-1856298
Handelsblatt – Deutschland schließt Migrations-Partnerschaft mit Marokko: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/asylpolitik-deutschland-schliesst-migrations-partnerschaft-mit-marokko/100010065.html
Auswärtiges Amt – Gemeinsame Erklärung Deutschland/Marokko, strategischer Dialog (30.04.2026): https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/2770428-2770428
tagesschau.de – BKA-Lagebild: Knapp neun Prozent aller Tatverdächtigen im Jahr 2024 waren Zuwanderer: https://www.tagesschau.de/inland/lagebild-bka-zuwanderung-100.html
BKA – Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2024: https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/KriminalitaetImKontextVonZuwanderung/KriminalitaetImKontextVonZuwanderung_2024.html
Nationales Statistikamt China – Communiqué of the Seventh National Population Census (No. 8): https://www.stats.gov.cn/english/PressRelease/202105/t20210510_1817193.html
BBU / Amt für Statistik Berlin-Brandenburg – Bevölkerungsstand Berlin im Dezember 2025: https://bbu.de/beitraege/bevoelkerungsstand-berlin-im-dezember-2025-afs
Antwort der Bundesregierung auf die Schriftliche Frage von Jan Wenzel Schmidt (AfD) vom 08.09.2025 (via polradar): https://plr.glits.de/doc/68331

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